Getreuer documenta-Chronist

Kunstkritiker Alfred Nemeczek im Alter von 82 Jahren gestorben

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Alfred Nemeczek

Kassel/Hamburg. Gelitten hatte er länger, doch es fiel ihm schwer, sich seiner nicht genau erkannten Krankheit zu stellen. Nun ist Alfred Nemeczek im Alter von 82 Jahren überraschend in Hamburg gestorben.

Mit ihm verliert die Kunstwelt einen hoch angesehenen Kritiker, der ein getreuer Chronist und Vorkämpfer der documenta war. Er hatte das Glück gehabt, als Volontär und Redakteur der „Hessischen Nachrichten“ (und heutigen HNA) ab 1954 die Entstehung und Durchsetzung der documenta-Idee erleben und journalistisch begleiten zu können.

Nemeczek hatte in Marburg Kunstgeschichte und Germanistik studiert. Doch im Grunde verstand er sich als Autodidakt, der mithilfe der Praxis sein Wissen erworben hatte. Vielleicht auch deshalb war er ein beispielhafter Vermittler und sorgfältiger Beobachter.

Wo andere Kritiker Ausstellungen im Eiltempo durchschritten, ließ er sich Zeit und kam, so es möglich war, mehrfach, um das erste Urteil durch eine ausgeruhte Analyse zu ergänzen. Auf Grund dieser Könnerschaft wurde er 1979 zum stellvertretenden Chefredakteur des Magazins „art“ berufen. Nahezu 20 Jahre trug er dazu bei, diese für das breitere Publikum gedachte Zeitschrift zu profilieren.

Als junger Kritiker hatte Nemeczek sehr schnell Anschluss an den Arnold-Bode-Kreis gefunden, der sich für die documenta und die Entwicklung der Kunstlandschaft in Kassel einsetzte, ohne allerdings die kritische Distanz zu verlieren. Als 1963 ein Pressesprecher und Katalogredakteur für die documenta III gesucht werden musste, übernahm Nemeczek diese Aufgabe. Von seiner Zeitung wurde er freigestellt.

1967 verließ er Kassel, um in Hamburg beim „Spiegel“ eine Stelle als Kulturredakteur anzutreten. 1973 übernahm Nemeczek beim „Stern“ eine vergleichbare Position, die er bis zur Gründung von „art“ 1979 beibehielt. Ganz gleich, welche berufliche Rolle er ausfüllte, stets blickte er mindestens mit einem Auge nach Kassel, um zu sehen, ob die Stadt der documenta-Idee treu bleibe. Zu jeder Pressekonferenz reiste er an, zu jeder Ausstellung natürlich auch. Er gehörte zur Jury des Arnold-Bode-Preises und war viele Jahre Mitglied im documenta forum.

Hamburg wurde zu seiner zweiten Heimat. Dort lebte er mit seiner Frau zuletzt als freier Kritiker. Er hatte 2007 ein kleines Nachschlagewerk zur documenta sowie 1999 das Buch „Das Bild der Kunst - eine Bilanz zum Ende des 20. Jahrhunderts“ verfasst.

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