20 Stunden Dauereinsatz der Feuerwehr

Schwere Gewitter richten in Kassel Schäden in Millionenhöhe an

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Ein Schnappschuss kurz vor dem Eintreffen des Unwetters über Kassel. Aufgenommen vom Weinberg aus.

Kassel.  Eine heftige Gewitterfront mit kirschgroßen Hagelkörnern, gleißenden Blitzen und bombenähnlichem Donnergrollen ist am Abend über Kassel hinweggezogen. Die Rettungskräfte hatten auch am Mittwoch mit den Folgen zu kämpfen. Insgesamt 560 Einsätze wurden bis zum Morgen verzeichnet. Die exakte Höhe der Schäden steht noch nicht fest.

Innerhalb von Minuten hatte sich gegen 20.30 Uhr der Himmel über Nordhessen verdunkelt, nachdem bereits Waldeck-Frankenberg starken Regen gemeldet hatte. Es folgten Blitz, Donner und schließlich zentimetergroße Hagelkörner. Bald waren auch die ersten Martinshörner zu hören.

Aktualisiert um 17.25 Uhr

„Kassel ist abgesoffen“, sagte Polizeisprecher Norbert Isreal am Dienstag gegen 22.15 Uhr, als das Unwetter sich langsam legte. Die Telefone bei Polizei und Feuerwehr standen zu diesem Zeitpunkt nicht still. Der Widerschall der Martinshörner löste den Donner ab. Am Mittwochmorgen berichtete die Feuerwehr von 450 Einsätzen, hinzu kommen 110 Einsätze des Rettungsdienstes. 300 Einsatzkräfte wurden in der Nacht gebraucht.

Lage am Mittwoch erneut angespannt

Am Mittwoch zogen erneut Gewitter über die Region und brachten starken Regen mit sich. Feuerwehr, THW und Rettungsdienst hatten nach eigenen Angaben bis in die Nachmittagsstunden mit den Folgen zu kämpfen. Die Einsätze gingen teils "bis an die Belastungsgrenze", teilte die Feuerwehr am Mittwochnachmittag - nach etwa 20 Stunden Dauereinsatz - mit. "Ein Unwetter, in solch einer Dimension, bei dem hunderte von Kellern vollgelaufen, einige Brandmeldeanlagen ausgelöst und mehrere Feuer zu löschen waren, habe ich schon lange nicht mehr erlebt", erklärte der Einsatzleiter und Pressesprecher der Feuerwehr Kassel, Joachim Gries. Am Nachmittag hatte sich die Lage schließlich entspannt.

Die Höhe der Schäden ist noch nicht zu beziffern. Es dürften aber Millionen nötig sein, um alle Schäden zu beheben.

Mehrere Straßen überflutet

Nach dem schweren Gewitter am Dienstagabend wurden auch am Mittwochmorgen in Kassel und im Landkreis wieder mehrere Straßen überflutet. Insbesondere die Mombachstraße und die Druseltalstraße waren betroffen. So wurden an der Kreuzung Druseltalstraße/Hasselweg Kanaldeckel herausgedrückt, die den Verkehr lahmgelegt haben. Außerdem ist zur Zeit die Ortsdurchfahrt Fuldatal-Wilhelmshausen (Bundesstraße 3) nach einem Erdrutsch gesperrt.

Die Schüler der Kasseler Heinrich-Schütz-Schule wurden am Morgen wieder nach Hause geschickt. In der Schule war durch das Unwetter die Wasserversorgung ausgefallen. 

Flughafen: Computersystem ausgefallen

Durch das starke Unwetter war am Flughafen Kassel-Calden ein Computersystem ausgefallen. Deshalb war der Flughafen am Mittwoch bis 11.23 Uhr geschlossen, heißt es in einer Pressemitteilung. Inzwischen sei der Flughafen wieder voll funktionsfähig, der Flugbetrieb laufe planmäßig ohne Beeinträchtigungen.

Tramverkehr läuft wieder normal

Laut KVG gab es auch am Morgen Störungen im Kasseler Nahverkehr. Aufgrund der Folgen des Unwetters kam es zu Ausfällen bei mehreren Bahnlinien. Laut KVG-Sprecher Ingo Pijanka haben die Wassermassen Schmutz in die Schienen und weichen gespült, die sich teilweise nicht mehr umlegen lassen. Die Druseltalstrecke war wegen eines liegengebliebenen Fahrzeugs gesperrt. Inzwischen läuft der Verkehr wieder normal.

Trafo-Station überflutet - Viele saßen im Dunkeln

Tausende Haushalte waren schon in der Nacht zu Mittwoch bis zu zwei Stunden lang ohne Strom. Wie Ingo Pijanka, der Sprecher der Städtischen Werke, erklärte, war eine Transformationsstation an der Dag-Hammarskjöld-Straße um 22 Uhr ausgefallen, weil sie aufgrund der über die Ufer getretenen Drusel überflutet war. In der Folge des eingedrungenen Wassers wurden 25 sogenannte Ortsnetzstationen außer Gefecht gesetzt.

In Haushalten in Rothenditmold, im Bereich der Wilhelmshöher Allee im Vorderen Westen und Wehlheiden sowie im Bereich Bad Wilhelmshöhe waren zum Teil bis 23.45 Uhr komplett ohne Strom. Auch die Straßenbeleuchtung fiel aus. Ebenfalls teilweise ohne Strom war der Stadtteil Fasanenhof.

Die Mitarbeiter der Netz plus Service GmbH seien mit allen vorhandenen Mitarbeitern im Einsatz gewesen und hätten nach und nach alle Stationen wieder gesichert.

Die Netzstationen sind dazu da, Mittelspannung auf Haushaltsspannung zu transformieren.

Die gute Nachricht, so Pijanka: „Es ist nichts kaputt gegangen.“

Mehrere Brandmeldeanlagen ausgelöst

Dazu kamen mehrere ausgelöste Brandmeldeanlagen sowie ein Dachstuhlbrand in der Kesselbreite. Aufgrund der großen Anzahl aktueller Einsätze wurden die Freiwilligen Feuerwehren aus dem umliegenden Landkreis alarmiert.  Zudem seien gerade die Katastrophenschutzüge der Landkreiswehren alarmiert worden.

Stromausfall im Bundessozialgericht

Am Jungfernkopf und in Niestetal waren während des Unwetters Dachstühle durch Blitze in Brand geraten. Eine Station des Marienkrankenhauses musste geräumt werden, weil Wasser durch die Decke kam. Ebenfalls betroffen war das Diakonissenkrankenhaus. Weil hier ein Technikraum im Keller vollgelaufen war, mussten 25 Patienten evakuiert werden.

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Am häufigsten wurde die Feuerwehr wegen überfluteter Keller gerufen. Unter anderem war ein Kellerbereich des Bundessozialgerichts vollgelaufen. Dort waren über 30 Einsatzkräfte der Feuerwehr und des Technischen Hilfswerks bis in den Morgen damit beschäftigt, 500 Kubikmeter Wasser abzupumpen. Weil die Stromversorgung des Gerichts bei dem Unwetter zusammengebrochen ist und nicht kurzfristig wiederhergestellt werden kann, soll dort bis Freitag der Betrieb ruhen. Zurzeit werden auf der Regentenstraße geparkte Autos abgeschleppt, weil die Stadtwerke den Platz brauchen, um die Schäden am Gericht zu beheben.

40 Anwohner in Hotels gebracht

Problematisch war die Situation nach Feuerwehrangaben auch in einem Gewerbepark im Kasseler Stadtteil Rothenditmold. Dort reichte das Wasser in der Nacht in einigen Betrieben bis zur Kellerdecke und wurde mit Öl verunreinigt. Neben Feuerwehr und THW waren hier auch Experten der Unteren Wasserbehörde im Einsatz. 40 Anwohner mussten in Hotels untergebracht werden, weil der Strom abgestellt werden musste. Wann sie in ihre Wohnungen zurückkehren können ist noch unklar.

Viele Straßen in der Stadt glichen zeitweise Flüssen, in Senken und Unterführungen bildeten sich durch die heftigen Niederschläge innerhalb kürzester Zeit kleine Seen. Kanaldeckel wurden durch die Wassermassen hochgedrückt.

Kurzclip: Überflutete Schönfelder Straße in Kassel

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In der Südstadt krachte an der Kindertagesstätte an der Ecke Landaustraße unmittelbar an der Karlsaue ein Baum auf eine Brücke. Weil dadurch die Wassermassen nicht abfließen konnten, wurden auch Teile der Aue unter Wasser gesetzt. An vielen Stellen im Stadtgebiet fielen Äste auf die Straße - so auch an der Friedenskirche im Vorderen Westen, wo ein mehrere Meter langer Ast auf den Vorplatz stürzte.

Auch der IC-Bahnhof in Wilhelmshöhe stand am Abend unter Wasser. Im Tunnel der Heßbergstraße unter dem Bahnhof wurden Autos von den Wassermaßen weggetrieben.

Die Folgen des schweren Unwetters

Die Folgen des schweren Unwetters in Kassel

Einsätze in Nordhessen und Südniedersachsen

Auch im Wolfhager Land sorgte das Unwetter für zahlreiche Einsätze der Feuerwehr. Während der Kreisteil Hofgeismar vergleichsweise glimpflich davongekommen ist, gab es dennoch enorme Niederschläge und Hagel am Reinhardswald. Im Schwalm-Eder-Kreis ist das Unwetter harmloser als im Kreis Kassel verlaufen, in Oberaula-Hausen sind allerdings Keller vollgelaufen. Am Mittwoch erreichte ein weiteres Gewitter den Kreis Hersfeld-Rotenburg. Vor allem im westlichen Kreisteil liefen einige Keller voll. In Heringen wurde außerdem ein Mann von einem Blitz getroffen. Nahezu harmlos lief das Unwetter im Werra-Meißner-Kreis ab

Nachdem das Unwetter über Nordhessen abgezogen war, wütete es in Südniedersachen weiter. Im Landkreis Northeim waren die Feuerwehren daher ebenfalls im Dauereinsatz. Allein in Hammenstedt musste die Feuerwehr zu sechs Einsätzen ausrücken. In Bad Gandersheim hat ein Blitz einen Dachstuhl in Brand gesetzt. Auch in Hann. Münden, Staufenberg und der Samtgemeinde Dransfeld hat das Unwetter Schäden angerichtet. Am Mittwoch gegen 11 Uhr wurden die B569 und die B80 bei Hann. Münden voll gesperrt, am Nachmittag jedoch freigegeben. 

Zahlreiche Einsätze für die Feuerwehr gab es außerdem in und um Göttingen. Dort wurden Uni-Gebäude beschädigt und Keller liefen voll. Die Abschlussvorstellung der Oper „Faramondo“ bei den Internationalen Händel-Festspielen am Deutschen Theater wurde abgebrochen. Vorstellungen am Mittwoch sollen aber nicht gefährdet sein.

(rud/mak/sal/sok/ema)

Fotos vom Unwetter und seinen Folgen

Hagel und Überschwemmungen: Schweres Unwetter über Nordhessen

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Thomas Ruppert vom Deutschen Wetterdienst zur Lage in Nordhessen und Südniedersachsen:

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