Marcel de Medeiros leitet Kurs am Freiwilligenzentrum

Graffiti-Kurs für Rentner: Senioren an die Sprühdose

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Neues Hobby im Alter: Diese drei Damen haben bereits 1998 in Frankfurt-Sachsenhausen bei einer Graffiti-Aktion eine Wand im Stadtteil Sachsenhausen gestaltet. Auch in Kassel soll es jetzt einen Graffiti-Kurs für Senioren geben.

Kassel. Das Kasseler Freiwilligenzentrum bietet im Mai erstmals einen Graffiti-Kurs für Senioren an. Wir sprachen mit dem Kasseler Graffitikünstler Marcel de Medeiros, der den Kurs leiten wird.

Wieso ein Graffiti-Kurs für Senioren? 

Marcel de Medeiros: In Lissabon gibt es seit einiger Zeit solche Kurse, die dort sehr gut ankommen. Das Freiwilligenzentrum wollte die Idee auch für Kassel umsetzen. Für mich wird die Arbeit mit den Senioren eine Herausforderung – genauso wie voriges Jahr, als ich einen Kurs in einer Kita gemacht habe. Die Kinder haben erst alle gesagt: „Ich kann das nicht.“ Und am Ende waren die Dosen leer. Das könnte mit Rentnern so ähnlich sein.

Was ist das Besondere beim Arbeiten mit Senioren? 

de Medeiros: Die meisten älteren Menschen haben eine vorgefertigte Meinung über Graffiti: Das ist nur Schmiererei und Dreck und wird von bösen Jungs gemacht, die nachts unterwegs sind. Mich interessiert, ob man mit einem Workshop diese Wahrnehmung verändern kann. Dass die Senioren verstehen, was hinter Graffiti steckt und dass sie selbst ein Teil davon sein können.

Werden sich denn angesichts solcher Vorurteile überhaupt genügend Senioren finden, die an so einem Kurs teilnehmen? 

de Medeiros: Das frage ich mich auch (lacht). Ich glaube, dass in den vergangenen Jahren gerade in Kassel das Interesse an Graffiti gewachsen ist, auch durch unser Projekt „Raum für Urbane Experimente“, mit dem wir die Unterführungen am Weinberg und am Holländischen Platz bespielen. Auch viele Senioren, die durch die Unterführung gehen, nehmen dort unsere Arbeit wahr und werden vielleicht neugierig. Beim Galeriefest und bei der Museumsnacht kommen inzwischen viele Leute zu unseren Führungen. Da sind auch Ältere dabei, die keinen Bezug zu Graffiti haben.

Was genau werden Sie in dem Kurs mit den Senioren machen? 

de Medeiros: Zum einen wird es eine Theorie-Einheit geben, bei der es um die Entstehung und Geschichte von Graffiti geht. Dabei geht es auch um das Spannungsfeld zwischen legalen und illegalen Graffiti – wobei unser Fokus vor allem auf legalen Graffiti liegt. Dann lernen die Teilnehmer verschiedene Techniken kennen. Wer glaubt, dass man nur eine Sprühdose in die Hand nimmt und loslegt, der irrt sich. Die Spraydose ist ein Werkzeug, mit dem man lernen muss zu arbeiten.

Die Teilnehmer werden aber auch selbst Graffiti herstellen? 

de Medeiros: Natürlich. Geplant ist, dass sie eine Wand in der Unterführung am Holländischen Platz gestalten. Sie sollen ihre eigenen Entwürfe einbringen, ich gebe nur Tipps zur Umsetzung. Das Tolle an Graffiti ist, dass man nicht allein arbeitet. Es ist eine kollektive Kunstart, bei der man oftmals gemeinsam ein großes Bild gestaltet. Dieser soziale Aspekt macht Graffiti gerade für die Arbeit mit Älteren interessant. Zudem bekommt man, wenn man Flächen im öffentlichen Raum gestaltet, häufig ein direktes Feedback von Passanten. Man kommt über Graffiti ins Gespräch.

Und nach dem Kurs wird Kassel dann von Senioren-Graffiti überzogen? 

de Medeiros: Ohne Witz, bei dem Kurs in Lissabon war eine 65-Jährige dabei, die danach nächtliche Streifzüge unternommen und illegal mit ihren Schablonen Graffiti gesprüht hat. Einmal kam die Polizei vorbei. Die Beamten haben dann aber die alte Frau gesehen und gedacht: Das kann nicht sein. Sie kam also davon. Aber keine Sorge: In Kassel gibt es genug legale Flächen, dass Sprayer aller Generationen legal arbeiten können.

Zur Person

Marcel de Medeiros (33) ist in São Paulo als Sohn einer Goldschmiedfamilie geboren. Mit 15 Jahren entdeckte er Graffiti als sein Hobby. Vor zehn Jahren kam der Brasilianer nach Deutschland, um an der Kasseler Kunsthochschule Produktdesign zu studieren. Vor drei Jahren gründete er mit anderen Studenten die Initiative „Raum für Urbane Experimente“, die seither die Unterführungen am Weinberg und am Holländischen Platz mit Graffiti gestaltet. De Medeiros ist Vater eines Sohns und lebt in Kassel.

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