Firma verkauft intelligente Umrichter für Zugwagen

Made in Kassel: SMA Railway baut große Netzteile für die Bahn

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Verkabelungsarbeiten an einem Bordnetzumrichter für Südamerika: Unser Foto zeigt Andreas Baum bei seiner Arbeit. Die Produktion erfolgt hauptsächlich in Handarbeit.

Kassel. Wenn betuchte Reisende in nostalgischer Verklärung mit dem Orient-Express durch Europa und einmal jährlich sogar bis Istanbul fahren, müssen sie - anders als in der Blütezeit des Luxuszuges - auf keinerlei modernen Komfort unserer Tage verzichten.

Es gibt klimatisierte Räume im Ambiente der 1920er-Jahre, eine leistungsfähige Lüftung in Reise- und Schlafwagen, Internet-Anschluss. Dass das alles reibungslos funktioniert, ist auch ein Verdienst der SMA Railway Technology GmbH, der kleinen Tochter des großen Solartechnik-Herstellers aus Niestetal. Im Windschatten der bekannten Mutter beschäftigt sich der operativ eigenständige Bahntechnik-Hersteller mit ganz anderen Dingen als der börsennotierte Fotovoltaik-Spezialist.

Dirk Wimmer

Obwohl: Im Kern machen Mutter und Tochter sehr Ähnliches. Sie wandeln Strom. Während die Solarwechselrichter in Solarzellen gewonnenen Gleich- in netztauglichen Wechselstrom wandeln, transformieren so genannte Bordnetzumrichter von SMA Railway Starkstrom aus Oberleitungen oder dem bordeigenen Generator für verschiedene Zwecke herunter. „Wir bauen Geräte, die die unterschiedlichen elektrischen Verbraucher im Zug mit der passenden Spannung versorgen“, erklärt Geschäftsführer Dirk Wimmer mit einfachen Worten, wie die Umrichter funktionieren.

Natürlich sind die Dinge viel komplexer, weil die Verbraucher im Zug - Sicherungssysteme, Steuerungen, Türen, Bremsen, Klima-Anlage, Heizung, Kühlung, Beleuchtung und Bordküche - völlig unterschiedliche Spannungen von 24 bis 400 Volt benötigen. Und als ob das nicht ausreichte, arbeiten die einen Länder im Bahnsektor mit Gleich- und die anderen mit Wechselstrom. Aber auch damit können SMA-Railway-Geräte umgehen: mit mehrspannungsfähiger Ausstattung auch im grenzüberschreitenden Verkehr. Die bis zu 2,50 Meter langen, 1,2 Tonnen schweren und mit Elektrotechnik und Elektronik vollgepfropften Anlagen merken, wenn sie in ein anderes Land kommen und stellen sich darauf ein. „Unsere Produkte sind Universal-Netzgeräte für die Bahn“, bringt es Wimmer erneut auf eine einfache Formel.

Die Alleskönner aus der Miramstraße in Kassel sind weltweit begehrt. Die Hälfte der Umrichter kommt in Europa zum Einsatz, die andere in Übersee - ganz gleich ob in neuen oder modernisierten Fahrzeugen. Kunden sind Bahngesellschaften sowie regionale und bei Straßen- und U-Bahnen auch kommunale Verkehrsbetriebe.

SMA Railway sieht sich wie die Mutter als globaler Technologieführer. „Unsere Geräte sind deutlich kleiner, leichter und effizienter als die des Wettbewerbs“, erklärt Wimmer und zeigt eine weitere Parallele zu den Produkten der Mutter auf, die derzeit mit extrem kompakten und in der Herstellung deutlich günstigeren Wechselrichtern am Markt punktet. SMA Railway hat frühzeitig auf eine Technologie gesetzt, die zunehmend zum Standard wird. Wimmer: „Wir sind da, wo die anderen noch hinwollen.“

Hintergrund: Seit 2005 im Bahngeschäft

SMA Railway beschäftigt 200 Mitarbeiter, setzte im vergangen Jahr 28 Millionen Euro um und verlor unterm Strich 2,7 Mio. Euro. Die SMA-Bahntechnik-Sparte gibt es seit 25 Jahren, seit 2008 - als die Mutter an die Börse ging - wurde sie in eine eigene GmbH überführt und quasi verselbstständigt. Dirk Wimmer (Vertrieb / Marketing) führt das Unternehmen gemeinsam mit Andreas Berger (Technologie) und Alexander Schmidt (Fertigung).

Die Bahntechnikprofis bauen alles: vom individuellen Unikat bis hin zur „Großserie“ mit bis zu 300 Anlagen eines Typs. Dabei bedienen sie sich zunehmend eines Standardprodukts aus dem Baukasten, das sich für viele Einsatzbereiche eignet. Das spart nicht nur Kosten, sondern erleichtert auch die schwierigen und langwierigen Zulassungsverfahren in den nach wie vor stark reglementierten nationalen Bahnmärkten.

Weitere Teile unserer Serie Made in Kassel lesen Sie hier.

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