Seit Gebührenerhöhung ist es ruhiger geworden

Händler in Kassel leiden unter Parkkosten in der Innenstadt

Viele Parkplätze frei: Solch ein Bild zeigt sich nicht nur am gestrigen Regentag, sagen die Anrainer. Immerhin sind auch die Dauerparker verschwunden. An Markttagen ist es hier aber deutlich voller. Fotos:  Fischer
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Viele Parkplätze frei: Solch ein Bild zeigt sich nicht nur am gestrigen Regentag, sagen die Anrainer. Immerhin sind auch die Dauerparker verschwunden. An Markttagen ist es hier aber deutlich voller.

Kassel. Vor fast eineinhalb Jahren wurden die Gebühren in der Kasseler Innenstadt erhöht. Seither ist auch das Parken am Entenanger teurer geworden.

Darunter leidet offenbar nachhaltig der direkt benachbarte Einzelhandel.

„Jetzt sieht man es definitiv auch an den Zahlen“, sagt Anke Stephan, seit 2009 Inhaberin der Martins-Apotheke. Seit Erhöhung der Parkgebühren seien ihre Umsätze um zehn Prozent zurückgegangen, rechnet sie vor. Auch sei es oftmals schwieriger, notwendige Beratungsgespräche zu führen, weil Kunden aufgrund der ablaufenden Parkzeit häufig gehetzt auf die Uhr schauen.

Spürt die Auswirkungen höherer Parkgebühren: Claudia Ludwig.

Viele Kunden seien weggeblieben oder kämen nicht mehr regelmäßig,hat Claudia Ludwig, Inhaberin des gleichnamigen Reformhauses, beobachtet. Ihre Umsatzeinbußen beziffert sie auf fünf bis zehn Prozent. Dank eines gestiegenen Ernährungsbewusstseins habe sie jedoch auch viele Kunden hinzugewonnen: „Wenn dieser Trend nicht da wäre, würde es noch viel trauriger aussehen“, sagt sie.

Unterdessen blickt Stefan Bethke, Inhaber des gleichnamigen Fotogeschäfts, gerade zum Wochenbeginn häufig auf einen recht leeren Parkplatz am Entenanger. Früher hätten hier auch viele Dauerparker, die einen Arbeitsplatz in der Innenstadt haben, ihr Auto abgestellt. „Jetzt finden unsere Kunden hier leichter einen Parkplatz“, sieht Bethke durchaus einen Vorteil. Doch gerade die Kunden, die schnell einen Weg erledigen wollten, blieben der Stadt häufig fern. An einigen Tagen sei die Kundenfrequenz um mindesten 30 Prozent zurückgegangen.

Die zusätzliche Möglichkeit, ein 15-Minuten-Ticket zu ziehen, würde gerade den Fachgeschäften rund um den Entenanger schon helfen, meint der Inhaber des seit 1967 bestehenden Fotostudios. Früher konnte für 50 Cent eine halbe Stunde lang geparkt werden, jetzt kostet die halbe Stunde einen Euro. Wer eine Stunde parkt, muss zwei Euro in den Automaten werfen. Dass die Parkscheinautomaten nicht wechseln können, ist nicht nur für die Autofahrer, sondern auch für die Geschäftsleute ein Ärgernis. „Wir versuchen schon immer, genügend Kleingeld vorrätig zu haben“, sagt Erika Finger von der Boutique „Fingerz“.

Familienbetrieb seit 1967: Stefan Bethke registriert seit eineinhalb Jahren häufiger sehr ruhige Geschäftstage.

Wenn Kunden über die Parkgebühren in der Innenstadt schimpfen, verweist sie gerne auf nahegelegene Parkhäuser mit rund 2500 Stellflächen, die um die Hälfte günstiger sind als die rund 1000 städtischen Parkflächen in der City. Die Besucher der Markthalle hätten sich an die höheren Parkgebühren gewöhnt, sagt Markthallen-Geschäftsführer Andreas Mannsbarth: „Am Anfang haben wir eine Rückgang bemerkt, aber jetzt sind auch die Cafés alle wieder voll.“

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Kassel-Marburg ist übrigens gerade dabei, eine zweite aktuelle Umfrage unter Kaufleuten auszuwerten. Das Ergebnis will man gemeinsam mit der Stadt vorstellen. Bei einer Umfrage im Oktober 2014 wurde deutlich, dass der Handel der Erhöhung der Parkgebühren litt.

Das sagen die City-Kaufleute: Clevere parken frei

Parkgebührenerhöhungen seien prinzipiell natürlich keine umsatzförderlichen Maßnahmen, sagt der Vorsitzende der Gemeinschaft der City-Kaufleute, Gerhard Jochinger. Andererseits böten die Parkhäuser in der Stadt günstigeres Parken an, und wer Bonusprogramme beispielsweise in der Königsgalerie clever nutze, müsse mitunter gar nichts fürs Parken in der Kasseler Innenstadt zahlen.

In den Parkhäusern sei es seit der Gebührenerhöhung auf städtischen Stellflächen unwesentlich voller, so Jochinger, der die Parkhausgesellschaft der Stadt Kassel betreibt. Das sei aber auch ein etwas längerer Prozess.

In Kassel gebe es erst seit rund 25 Jahren eine Parkhauskultur, und es habe rund zehn Jahre gedauert, bis Parkhäuser halbwegs gut angenommen worden seien.

Ein weitaus größeres Problem für den Einzelhandel seien die steigende Internetpräsenz und die Flächenausweitung von Einkaufszentren, betont Jochinger.

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