Wenn der Mann zuschlägt

Häusliche Gewalt: Im Klinikum werden Verletzungen vertraulich dokumentiert

Vertrauliche Untersuchung und Beratung: Sigrid Krüger, stellvertretende pflegerische Leitung in der Zentralen Notaufnahme des Klinikums, kümmert sich um Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt wurden. Sie ist dafür speziell geschult. Unser Foto ist gestellt. Fotos: Ludwig

Kassel. Scham und Ängste sorgen oft dafür, dass sich Opfer häuslicher Gewalt selbst Ärzten nicht anvertrauen. Um die Hemmschwelle zu senken, gibt es am Kasseler Klinikum die Möglichkeit, Verletzungen und Vergewaltigungsspuren vertraulich behandeln und dokumentieren zu lassen.

Dabei werden die Befunde so erfasst, dass sie später vor einem Gericht verwendet werden können. Gleichzeitig bleibt es aber dem Opfer überlassen, ob es sich an die Polizei wendet. Mit Vergewaltigungen durch den Partner etwa haben die Ärzte wöchentlich zu tun.

Im Bereich der häuslichen Gewalt ist die Dunkelziffer riesig: Ein bis zweimal pro Monat offenbarten sich ihnen Patientinnen, vom Partner geschlagen worden zu sein, berichten Dr. Klaus Weber, Leiter der Zentralen Notaufnahme und Sigrid Krüger, stellvertretende Pflegeleiterin der Notaufnahme. Mit Vergewaltigungen durch den Partner hätten die Kollegen von der Gynäkologie wöchentlich zu tun, so Weber. Die Betroffenen kämen aus allen Gesellschaftsschichten und Kulturkreisen. „Das ist nicht nur der biertrinkende Bauarbeiter im Unterhemd, der seine Frau schlägt“, so Weber.

Nicht immer gingen die Opfer offen mit der Ursache für ihrer Verletzungen um. „Da kommen die üblichen Erklärungen, wie Treppe heruntergefallen oder gestoßen“, sagt der Mediziner.

Deshalb sind Mitarbeiter in vielen Abteilungen des Krankenhauses geschult, Verletzungsmuster häuslicher Gewalt zu identifizieren und Patienten darauf anzusprechen. Das können das berühmte Veilchen, blaue Flecken in unterschiedlichen Heilungsstadien, Kratz- und Abwehrspuren an den Armen oder Handabdrücke sein.

In solchen Fällen wird den Patientinnen angeboten, die Verletzungen so detailliert dokumentieren zu lassen, dass sie juristischen Ansprüchen genügen. Anschließend werden die Befunde archiviert und kommen nur dann zum Einsatz, wenn sich die Betroffene zu einer Anzeige entschließt. „In den meisten Fällen werden wir die wahre Ursache trotz Nachfrage aber nicht herausfinden“, ist sich Weber sicher.

Der Grund dafür sei die Angst vieler Frauen, der Partner könne erst recht aggressiv werden, wenn er vom Gespräch mit dem Klinikpersonal erfährt, sagt Anja Gerhard-Mehl, Pflegeentwicklerin der Gesundheit Nordhessen Holding (GNH). Auch gemeinsame Kinder spielten eine Rolle.

Gerhard-Mehl hatte vor elf Jahren das Angebot mit dem Namen „Signal“ am Klinikum Kassel etabliert. Es ist das einzige seiner Art in Kassel. Ursprünglich war das Programm für von häuslicher Gewalt betroffene Frauen an der Charité in Berlin ins Leben gerufen worden. In Kassel sind in einem Aktionsbündnis die Stadt und Frauenberatungsstellen mit im Boot. Auf diese verweisen die Ärzte die Betroffenen.

Leitfaden für Betroffene

Patientinnen, die Opfer häuslicher Gewalt wurden, und sich im Klinikum behandeln lassen, wird dort folgendes empfohlen:

• Teilen Sie dem behandelnden Arzt die Verletzungsfolgen umfassend mit, damit dieser sie erfassen kann. Auch wenn später noch Folgen auftreten, wenden Sie sich wieder an den Arzt und lassen diese dokumentieren.

• Bewahren Sie alles auf, was als Beweismaterial in Betracht kommt, an einem sicheren Ort auf. Dies können Kleidungsstücke, Dokumente, Fotos, SMS und E-Mails etc. sein.

• Verschmutzte oder zerrissene Kleidungsstücke und Bettwäsche können als Beweismittel dienen. Sie sollten in Papier- oder Stofftaschen aufbewahrt werden, nicht luftdicht verpacken (keine Plastiktüte).

• Auch wenn Sie jetzt noch keine Anzeige erstatten wollen, bewahren Sie die Beweise auf.

Hintergrund: Auch hier wird Frauen geholfen

Beratungsstellen für Opfer häuslicher Gewalt:

Stadt Kassel:

Frauen informieren Frauen Tel. 0561/ 893136

Kreis Kassel:

Frauen helfen Frauen

Tel. 0561/4910434

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