Kampfmittelexperten sprechen über ihre Arbeit

Granaten, Bomben, Blindgänger: Diese Gefahren lagen unter Kassel

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Kasseler Funde: Kampfmittelexperte Winfried Bieker (re.) und sein Kollege Christian Schäfer mit zwei Bomben. Die rechte 250-Kilo-Bombe wurde am Weinberg entdeckt, die linke beim Bau des neuen Auebades. Die Bomben wurden für Ausstellungszwecke unschädlich gemacht und in ihrer ursprünglichen Farbe lackiert. 

Kassel. Das tödliche Erbe des Zweiten Weltkrieges wird Kassel noch Jahrzehnte beschäftigen: 470.000 amerikanische und englische Bomben sind laut Schätzungen auf die Stadt abgeworfen worden.

25 bis 30 Prozent könnten Blindgänger sein, sagt Winfried Bieker. Als Leiter des Fundkommandos Nord ist der Kampfmittelexperte für die Entschärfung von Munition in Kassel und der Region zuständig. Nun gab Bieker bei einer Fachtagung im Auepark einen Überblick über die Funde, die er in den vergangenen Jahren aus der Kasseler Erde geholt hat. 

Aus Kasseler Stellungen: 8,8-Zentimeter Flakgranate.

„Hauptsächlich finden wir in Kassel Munition der Amerikaner“, sagt Bieker. Neben den Blindgängern der Alliierten stoßen die Experten aber auch immer wieder auf Munition der Wehrmacht. Beispielsweise auf Flakgranaten, die von den Stellungen rund um Kassel abgefeuert wurden.

Biekers größte Bombenfunde liegen schon ein paar Jahre zurück. In den 90er-Jahren entschärfte er beim VW-Werk eine 20-Zentner-Bombe und in Söhrewald hatte er eine über 800 Kilo schwere Sprengbombe unschädlich zu machen.

Die Herausforderungen für die Entschärfer sind unterschiedlich: Je nach Bombentyp, Zustand des Blindgängers und Art des Zünders. „Meist haben wir es mit Aufschlagzündern zu tun. Aber wir stoßen auch immer wieder auf Langzeitzünder. Unsere erste Aufgabe ist es, Zünder und Bombe zu trennen“, so der Experte.

Ein intakter Zünder stelle eine erhebliche Gefahr dar. So habe es in Wilhelmshöhe vor etwa zehn Jahren eine Selbstdetonation unter einem Haus gegeben. Dabei sei das Gebäude stark beschädigt worden. „Leichte Erdbewegungen reichen aus“, sagt Bieker.

Um solche spontanen Explosionen zu vermeiden, lässt die Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK) seit drei Jahren die Karlsaue und den Bergpark nach Blindgängern untersuchen. Bieker ist dort auch im Auftrag des Kampfmittelräumdienstes des Landes für die Räumung verantwortlich. Zuletzt wurden dort über 80 Blindgänger in einem Monat gefunden – vor allem Brandbomben. Wie lange das Projekt dauern wird ist offen.

Neben dieser systematischen Suche tauchen Bomben meistens im Zuge von Bauarbeiten auf. Wie viele tausend Blindgänger seit dem Krieg entdeckt wurden und wie viele noch unter der Stadt liegen, dazu traut sich Bieker keine Prognose zu. „Es gab ja etliche Bombenangriffe auf Kassel, nicht nur den verheerendsten am 22. Oktober 1943“, sagt der Experte.

Häufig seien zunächst so genannte Wohnblock-Knacker abgeworfen worden, sprich Bomben mit hoher Sprengkraft, gefolgt von unzähligen Stabbrandbomben, die auf die zerstörten Dächer fielen – eine tödliche Mischung. Die Technik war perfide konstruiert. So wurden einige Brandbomben zusätzlich mit einer Sprengladungen ausgerüstet. So wurden weitere Menschen beim Versuch, die Brände zu löschen, getötet.

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