So sieht die Rockerszene derzeit in der Region aus

Neues Charter: Die Hells Angels sind wieder in Kassel zurück

Seit Frühjahr gibt es auch wieder ein Charter der Hells Angels in Kassel: Dieses Bild wurde allerdings in Frankfurt aufgenommen. Archivfoto:  dpa

Kassel. Interne Streitigkeiten waren der Grund, dass es seit 2008 keine Hells Angels in Kassel gab. Im Mai hat sich nun ein neues Charter des Motorrad- und Rockerclubs gegründet.

Laut Polizeisprecher Matthias Mänz gehören dem Charter etwa zehn Mitglieder an. Der Polizei sei allerdings kein Vereinsheim der Kasseler Hells Angels bekannt sowie auch kein anderer Ort, an dem sich die Rocker besonders häufig treffen würden.

Zuletzt hatten die Gießener Hells Angels für Schlagzeilen gesorgt: Deren Präsident Aygün Mucuk (45) war am vergangenen Freitag tot auf dem Gelände des Clubheims im mittelhessischen Wettenberg gefunden worden. Mucuk war von mindestens 16 Kugeln getroffen worden. Die Ermittlungen gehen nach Angaben der Staatsanwaltschaft in alle Richtungen. Am Mittwoch wurde er in Gießen beigesetzt.

In den vergangenen Jahren hatte eine Rivalität zwischen den traditionellen Hells Angels aus Frankfurt und dem türkisch geprägten Gießener Ableger mehrfach zu gewalttätigen Auseinandersetzungen geführt. Vor rund zwei Jahren wurden bei einer Schießerei vor einem Frankfurter Club fünf Menschen verletzt.

Gießener Hells-Angels-Boss war vor Tod noch in Kassel

Mucuk war wenige Tage vor seinem Tod noch in Kassel. Ein Kamerateam von Spiegel TV hatte den Hells-Angel-Präsidenten begleitet und gefilmt, als Mucuk einen Rocker zur Justizvollzugsanstalt in Wehlheiden gebracht hat, wo er eine Haftstrafe antreten musste.

In dem Interview wurde der Rocker-Präsident außerdem gefragt, wie er einmal sterben will. "Weiß ich nicht. Wenn es geht alt, mit 'ner schönen, jungen Frau. Nein. Ich hoffe, ich sterbe gar nicht - solange nicht jemand auf mich schießt", sagte er.

Keine Konflikte in Kasseler Rockerszene

Bei dem neu gegründeten Kasseler Charter der Hells Angels gebe es keine Hinweise auf Konflikte mit anderen Clubs, so Polizeisprecher Mänz. In Kassel bestehe eine „friedliche Koexistenz“ zwischen den verschiedenen Clubs. Neben den Hells Angels gibt es laut Polizei die Bandidos MC Kassel, deren Unterstützerclub Chicanos MC Kassel sowie die Osmanen Kassel.

Aktualisiert um 13.21 Uhr.

Die Osmanen Germania, die aber nichts mit der Gruppierung in Kassel zu tun haben, bezeichnen sich selbst als Boxclub, das Landeskriminalamt spricht von einer rockerähnlichen Gruppierung. Die meisten Mitglieder haben einen Migrationshintergrund. Ihre Kluft ist vergleichbar mit anderen Gruppierungen wie den Hells Angels: Die Mitglieder tragen eine Lederweste mit Rückenaufschrift. Die Osmanen haben allerdings keine Motorräder.

Nach Einschätzung des Landeskriminalamts umfasst die gesamte Rockerszene in Hessen rund 700 Menschen, die vier Gruppen zugeordnet werden. Im Fokus der Ermittler stehen sie vor allem wegen Rauschgiftdelikten und kriminellen Aktivitäten im Türsteher- und Rotlichtmilieu.

Kasseler Ex-Hells-Angel veröffentlichte zwei Bücher

Bekannt als "Bad Boy Uli": Ulrich Detrois.

Eines der bekanntesten Mitglieder der Hells Angels Kassel war Ulrich Detrois ("Bad Boy Uli"), der 1999 das Charter gegründet hatte und 2007 nach Streitigkeiten aus dem Club geworfen wurde. Später schrieb der gebürtige Kasseler in zwei Büchern über seine Erlebnisse und kooperierte mit der Polizei. Das erste Buch "Höllenritt. Ein deutscher Hells Angel packt aus." (2010) schrieb er zusammen mit Nicole Biewald, die Redakteurin bei "Bild" ist. Das Buch stand wochenlang auf der Bestseller-Liste. Das zweite Buch erschien 2012 und heißt "Wir sehen uns in der Hölle: Noch mehr wahre Geschichten von einem deutschen Hells Angel."

Keine Hells Angels in Südniedersachsen

In Südniederachsen wurde vor zwei Jahren ein Hells-Angels-Charter in Adelebsen (Kreis Göttingen) verboten. Im Oktober 2014 waren die Vereinsräume in Adelebsen durchsucht worden. Damals war umfangreiches Material, darunter Computer, Handys, Laptops und USB-Sticks, beschlagnahmt worden. Hintergrund für das Verbot war ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der versuchten Erpressung - unter anderem gegen den Anführer des Clubs - sowie Erkenntnisse über Straftaten anderer Hells-Angels-Mitglieder.

Eine Nachfolgeorganisation in Südniedersachsen gibt es seitdem nicht, sagte die Göttinger Polizei diese Woche auf HNA-Nachfrage. Die ehemaligen Göttinger Mitglieder haben sich unterdessen andere Hells Angels-Gruppierungen gesucht und sind nach Hessen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen sowie andere Teile Niedersachsens abgewandert.

Hintergrund: Begriffe aus der Rockerszene

Chapter / Charter: Mit diesen Begriffen beschreiben die Rockerclubs ihre Ableger vor Ort.

Hangaround / Prospect / Member: Wer in einem der Clubs aufgenommen werden will, muss mehrere Stufen durchlaufen. Zunächst ist er interessierter Anwärter (Hangaround), später Anwärter (Prospect) und nach der Probezeit Mitglied (Member).

1%: Diese Bezeichnung geht auf das Jahr 1947 zurück, als eine amerikanische Motorradvereinigung davon sprach, 99 Prozent der Motorradfahrer seien rechtschaffende Bürger, als es zu Auseinandersetzungen bei einem Motorradtreffen in Kalifornien gab. Nur 1% der Motorradfahrer seien "Rauf- und Trunkenbolde". Dadurch entwickelte sich die Gruppierung der "Onepercenter", die sich selbst als Außenseiter bezeichnen und fernab vom Mainstream leben. Einige Rockerclubs tragen "1%" als Aufnäher auf ihren Kutten.

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