Als der Hering entführt wurde: Sechs Jungs verschleppten 1957 das Zissel-Wahrzeichen

Der Fisch ist wieder da: Klaus Seeger und Klaus-Dieter Breitenstein zogen mit Otto Sippel (hinten), der im Auftrag des Zissels nach dem Wahrzeichen gefahndet hatte, den entführten Hering aus dem Gebüsch. Archivfoto: Lengemann

Kassel. Paul Schirakowski aus Dennhausen erinnert sich daran, wie er mit seinem Bruder Kurt, seinem Cousin Hans-Dieter Köhler und weiteren Kumpels den Zisselhering entführt hat.

In diesen Fall, über den im August 1957 groß in der Zeitung berichtet wurde, war sogar die Kriminalpolizei involviert. Das Motiv der Jugendlichen: Der Hering, das Wahrzeichen des größten nordhessischen Volks- und Wasserfestes, war zu bunt. „Der sah nicht mehr aus wie ein Fisch, sondern wie ein Papagei“, sagt der heute 77-jährige Schirakowski. Vermutlich hatte die erste documenta-Ausstellung (1955) auch Einfluss auf die Farbgestaltung des Fisches gehabt. Und mit der modernen Kunst konnten sich die Jungs nicht wirklich anfreunden.

Dort wurde der Hering vor 59 Jahren versteckt: Paul Schirakowski (77) zeigt auf die Stelle neben dem Kurbad Jungborn. Foto:  Koch

Schirakowski und seine Freunde kannten sich bestens an der Fulda aus. „Meine vier Brüder und ich sind praktisch am Bootshaus Sinning groß geworden.“ Jeden Tag seien sie damals von der elterlichen Wohnung an der Fiedlerstraße (Nord) zum Bootshaus unweit der Drahtbrücke geradelt. Da die Eltern ein Faltboot über den Krieg gerettet hatten, konnten die Schirakowski-Brüder auch auf der Fulda paddeln.

Zwei Faltboote spielten auch eine Rolle bei der Entführung des Herings. Das Wahrzeichen war am Montagabend zum Abschluss des Volksfestes vom Rondell in die Fulda gelassen worden. Von dort trieb der Fisch stromabwärts bis zum Haus der Jugend. Dort wurde der Hering an Land gezogen.

Der damals 16-jährige Paul Schirakowski beobachtete das alles von der Alten Fuldabrücke und gab seinen Komplizen Handzeichen, die sich unten am Ufer aufhielten. Einer habe einen Polizisten, der sich in Nähe des Herings aufhielt, in ein Gespräch verwickelt. Die anderen nutzten die Gunst der Stunde, um den Fisch wieder ins Wasser zu ziehen und an die Faltboote zu binden. „Mein Cousin Hans-Dieter war der beste Schwimmer und ging mit ins Wasser, um den Fisch zu begleiten.“ Gegen die Strömung zogen die Jungs den Hering zurück und versteckten ihn im Gebüsch neben dem Kurbad Jungborn.

Ein Teil der Hering-Entführer: (von links) Paul Schirakowski, sein Cousin Hans-Dieter Köhler und sein ein Jahr jüngerer Bruder Kurt (Zweiter von rechts) waren 1957 an der Tat beteiligt. Seine Brüder Manfred (Mitte) und Otto (rechts) waren damals noch zu jung für solche Streiche. Cousin Hans-Dieter lebt heute auf Mallorca, Bruder Kurt ist bereits gestorben. Foto:  privat, Repro: Koch

Die Nachricht, dass der Fisch verschwunden ist, kam natürlich auch schnell Zisselrat Paul Flachsbarth zu Ohren. Mit einem angegebenen Wert von 50 DM meldete er das beschuppte rot-gelb-grüne Gebilde als „vermisst“. Die Jungs hatten den Hering aber so gut versteckt, dass selbst von Bord des Polizei-Patrouillenbootes „Falke“ mit Argusaugen suchende Beamte vergeblich Ausschau nach dem Hering hielten. „Die haben die Fulda bis Melsungen abgesucht“, sagt Schirakowski.

Nachdem die Kripo sich auch noch eingeschaltet hatte und den Jungs zu Ohren gekommen war, dass die Entführung Konsequenzen haben könnte, hätten zwei Kumpels weiche Knie bekommen und sich gestellt, sagt Schirakowski. Die Clique wurde daraufhin ins Polizeipräsidium ans Königstor bestellt. Die Polizisten hätten zwar ein wenig gegrinst, ihnen aber auch unmissverständlich klargemacht, dass sie so etwas nie wieder machen sollten. „Dann sagten sie zu uns, haut ab.“ Es gab keine Strafe.

Die Entführung blieb dennoch nicht folgenlos. Zisselrat Flachsbarth kündigte an, dass der Hering für den Zissel 1958 wieder eine andere Farbe bekommen sollte.

1964 wurde der Zissel bereits im Juni gefeiert und damals war der Stammplatz des Wahrzeichens am Kasseler Rathaus. Bis den Hering einige böse Buben in der Nacht zum Zisselsamstag ebenfalls entführten. Der Nachtwächter eines Kaufhauses hatte noch einige dunkle Gestalten gesehen, die einen meterlangen Gegenstand um kurz vor Mitternacht auf der Oberen Königsstraße Richtung Friedrichsplatz schleppten.

Die Besatzung von „Falke 10“ entdeckte den Hering noch in derselben Nacht. Er hing an einem Baum in der Karlsaue.

90 Jahre Zissel: Ex-Königinnen gesucht

In diesem Jahr feiert der Zissel in Kassel seinen 90. Geburtstag. Dies ist ein schöner Anlass, um auch über das Volks- und Wasserfest im Wandel der Zeit zu berichten. Wir wollen dafür aber nicht nur in unseren Archiven nach Bildern aus vergangenen Zeiten und Anekdoten suchen, sondern bitten Sie, liebe Leserinnen und Leser, von Ihren Erinnerungen an das Volksfest zu berichten.

Waren Sie zum Beispiel einmal Zisselkönigin, -prinzessin oder Fullenixe? Haben Sie beim Land- oder Festzug mitgemacht? Verbinden Sie besondere Erlebnisse mit dem Dampfer Elsa?

Dann melden Sie sich bitte umgehend bei uns (am besten mit alten Fotos). Die HNA wird bis zur Eröffnung des diesjährigen Zissels am Freitag, 29. Juli, über Zissel-Erinnerungen berichten.

Einsendungen bitte an die HNA, Lokalredaktion Kassel, Frankfurter Straße 168, 34 121 Kassel, E-Mail: kontakt@hna.de, Stichwort: Zissel 

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