HNA-Interview:

Den Chef duzen oder siezen? Vor- und Nachteile der Umgangsformen im Büro

Alle Mitarbeiter der „Ikea-Familie“ duzen sich: Auch Ikea-Gründer Ingvar Kamprad (90) legt Wert auf das Du – das soll Teamgeist und Engagement im Unternehmen vermitteln. Foto: dpa

Kassel. Den Chef duzen oder siezen? Ikea macht es schon lange, die Otto Gruppe seit März - und jetzt auch bei Lidl. Stärkt dies den Zusammenhalt der Belegschaft?

Im Interview haben wir mit der Kasseler Juniorprofessorin Kathrin Rosing über die Vor- und Nachteile der neuen Umgangsformen im Büro gesprochen.

Frau Rosing, lassen Sie sich von Ihren Studenten duzen oder siezen? 

Kathrin Rosing: Normalerweise lasse ich mich siezen. So wird klar, dass ich die Dozentin bin und sie die Studenten. Es macht den Studienalltag um ein vieles einfacher.

Wieso? 

Rosing: Früher habe ich mich als Dozentin noch mit Studenten geduzt und das brachte manchmal die Rollen in den Seminaren durcheinander. Für manche Studenten ist es dann schwer zu trennen, dass ich die Dozentin, aber nicht ihre Freundin bin. Da ich die Leistung der Studenten bewerten muss, ist es wichtig, dass eine gewisse Distanz besteht.

Was denken Sie, warum entscheiden sich immer mehr Chefs dazu, sich von ihren Mitarbeitern duzen zu lassen? 

Rosing: Ich glaube, oft kommt es vielmehr auf die Beziehung zwischen dem Chef und den Mitarbeitern an. Per Du mit dem Chef zu sein, kann schön sein für den Mitarbeiter, aber es sollte das Ergebnis eines gewollten Prozesses sein und zur Beziehung passen. Wenn ein sehr distanzierter Chef auf einmal das Du anbietet, kann das für den Mitarbeiter sehr komisch wirken.

Wieso ist das Du trotzdem in der Arbeitswelt auf dem Vormarsch?

Rosing: Die Art, wie Mitarbeiter geführt werden, hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert. Die Hierarchien in Unternehmen sind flacher geworden. Überspitzt gesagt: Früher kam die Anweisung vom Chef und wurde vom Mitarbeiter ausgeführt. Es war immer klar, dass der Chef an der Spitze der Hierarchie das Sagen hat. Mittlerweile ist Mitarbeiterführung kooperativer geworden und findet mehr auf Augenhöhe statt. Dazu passt das Du besser als das Sie.

Welche Vorteile bringt es für den Chef, mit seinen Mitarbeitern per Du zu sein? 

Rosing: Der Chef will in erster Linie die Distanz zwischen sich und seinen Mitarbeitern verkürzen. Mit dem Du schafft er vor allem Nähe. Duzen kann helfen, mit seinen Mitarbeitern auf eine Augenhöhe zu kommen und die strikte Rangfolge aufzuweichen. Untereinander wird es kollegialer und der Mitarbeiter kann leichter auf den Chef zugehen. Er ist vielleicht eher bereit, einen Fehler von sich aus zuzugeben, anstatt Angst davor zu haben.

Kann das „Du“ auch Nachteile haben?

Rosing: Die Rollen von Mitarbeiter und Chef können durcheinanderkommen. Auch wenn man auf einer Augenhöhe miteinander kommuniziert, darf man nicht vergessen, dass der Chef immer noch der Boss ist und damit „das letzte Wort“ hat. Im schlimmsten Fall kommt man dann beim Du auf die Idee, Anweisungen des Chefs zu ignorieren, weil man sie als gut gemeinten, aber nicht bindenden Ratschlag wahrnimmt.

Mit Kollegen duzt man sich, den Chef siezt man. Was mach ich, wenn ich aus Versehen den Chef duze? 

Rosing: Im ersten Moment ist es vielleicht peinlich, aber in einer solchen Situation sollte man keine große Sache daraus machen, einfach mit dem Sie weitermachen und sich entschuldigen. Ich denke, dass das in einer sehr distanzierten Beziehung gar nicht so wahrscheinlich passiert.

Zur Person: 

Kathrin Rosing ist seit Januar 2014 am Kasseler Fachbereich für Psychologie tätig. Die 34-Jährige studierte in Osnabrück und promovierte an der Universität Lüneburg. In Kassel forscht sie in der Thematik „Psychologie unternehmerischen Handelns“. In ihren Forschungen geht es nicht um betriebswirtschaftliche oder rechtliche Fragen von Unternehmen, sondern um die psychologischen Prozesse, die vor allem „Kreativität“ und „Innovation“ unterliegen. Sie ist verheiratet, lebt in Kassel und in Esslingen am Neckar (nahe Stuttgart). Zu ihren Hobbys gehören Wandern, Kochen und Häkeln.

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