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HNA-Telefonaktion zur Pflegereform 2017: Eine Auswahl der Leserfragen

Der Hilfsbedarf, den ein Pflegebedürftiger hat, wird künftig nicht mehr in Minuten gemessen: Unser Symbolbild zum Thema Pflege zeigt die Bewohnerin eines Altenpflegeheims in Leipzig und eine Pflegemitarbeiterin. Demenzerkrankung ist der häufigste Grund für eine Heimaufnahme. Archivfoto: dpa

Kassel. Die Telefone unserer Pflegeexperten standen am Mittwoch nicht still. Eine große Zahl an Lesern meldete sich zur Telefonaktion in der Redaktion, um zum Teil sehr individuelle Fragen zur Pflegereform 2017 zu stellen. Wir bilden eine Auswahl daraus ab:

 Die Telefone unserer Pflegeexperten standen am Donnerstag nicht still. Eine große Zahl an Lesern meldete sich zur Telefonaktion in der Redaktion, um zum Teil sehr individuelle Fragen zur Pflegereform 2017 zu stellen. Wir bilden eine Auswahl daraus ab:

Es geht um meinen Vater. Er lebt in einem Heim und hat die Pflegestufe 1. Muss ich etwas neu beantragen? Stellen wir uns künftig schlechter?

Esen Böyükata: Menschen, die sich bereits in einem Heim befinden, betreffen die Änderungen nicht, außer, dass sich die alten Pflegestufen in Pflegegrade umwandeln. Aber die Bewertung für die Einstufung ist ja bereits erfolgt.

Erst wenn Sie 2017 einen neuen Antrag stellen und erstmals in ein Heim ziehen, kann sich etwas ändern, dann greift die Neuregelung. Aber das ist ja bei Ihnen nicht der Fall.

Ich bin 92 Jahre alt und bekomme in der Pflegestufe 1 im Monat 244 Euro. Muss ich was machen, dass ich weiterhin Geld bekomme?

Esen Böyükata:Nein, sie brauchen keinerlei Antrag stellen, alles läuft weiter wie bisher. Sie rutschen automatisch in den Pflegegrad 2 und werden künftig 316 Euro bekommen.

Ich bin Rentner und beinamputiert. Bekomme ich Zuschüsse für ein behindertengerechtes Auto?

Doris Brandstetter: Als Rentner bekommen Sie eventuell und wenn dann nur über die Eingliederungshilfe Zuschüsse. Das müssen Sie bei ihrem kommunalen Sozialamt erfragen und dort auch beantragen.

Ich pflege meine 90-jährige Mutter, jetzt hat sie Krebs und die Pflege fällt mir immer schwerer. Bis jetzt habe ich noch keine Pflegestufe beantragt. Was kann ich machen, wenn ich mal eine Auszeit nehmen möchte?

Esen Böyükata: Ohne Pflegestufen müssen Sie alles selbst und privat organisieren. Sie sollten deshalb sofort einen Antrag auf eine Pflegestufe stellen, denn dahinter verbergen sich mehrere Leistungen, die ihnen zustehen und Sie entlasten.

Mein Mann hat die Pflegestufe 1, er ist dement und leidet an Parkinson. Ich kann ihn inzwischen nicht mehr allein lassen. Welche Möglichkeiten habe ich, dass sich jemand um ihn kümmert, wenn ich beispielsweise einkaufen gehen muss?

Esen Böyükata: Ihr Mann kommt jetzt in den Pflegegrad 3. Das bedeutet für Sie statt 316 Euro künftig 545 Euro im Monat. Dazu gibt es 125 Euro Betreuungsleistung (statt 104 Euro). Ihnen stehen darüberhinaus viele Entlastungsangebote zur Verfügung. Unter anderem gibt es Geld für eine sogenannte Verhinderungspflege. Damit können Sie sogar stundenweise eine Entlastung finanzieren. Die kann ein Pflegedienst leisten oder aber auch eine Person ihres Vertrauens, beispielsweise ein Nachbar. Ich rate Ihnen, nehmen Sie alle Entlastungsangebote wahr. Es nützt keinem, wenn Sie selber krank werden. Innerhalb eines Jahres verfällt das Geld für eine Verhinderungspflege nicht. Sie können es also jetzt noch komplett in Anspruch nehmen.

Ziel der Pflegereform ist es, die dementen Menschen in den Fokus zu nehmen. Wer in der Pflegestufe 1 ist und dement, wird gleich zwei Pflegegrade höher eingestuft.

Ich bin berufstätig. Welche Möglichkeiten bestehen für mich im Falle eines Pflegefalls in der Familie, selber zu Hause zu pflegen?

Angela Joost: Seit 2015 gibt es verschiedene Möglichkeiten. Beschäftigte können sich freistellen zu lassen: für die Zeit von zehn Tagen für einen akuten Einsatz, für sechs Monate Pflegezeit und für 24 Monate Familienpflegezeit. Auf die zehntägige Akutzeit gibt es einen Rechtsanspruch, alles weitere ist von der Betriebsgröße abhängig. Es besteht die Möglichkeit, bei der Pflegekasse des zu Pflegenden 80 Prozent des Nettoeinkommens als Pflegeunterstützungsgeld zu beantragen. Im konkreten Fall sollten individuelle Absprachen mit dem Arbeitgeber und mit der Pflegekasse geführt werden. Es gibt da leider keinen Königsweg.

Meine Frau, Pflegestufe 1, wird von mir gepflegt. Jetzt steht bei mir selber eine Herz-OP mit anschließender Reha an. Deshalb suche ich eine Einrichtung für eine Anschlussheilbehandlung für mich mit der Möglichkeit einer Kurzzeitpflege für meine Frau.

Esen Böyükata: Diese Möglichkeit besteht selbstverständlich. Hier muss Ihnen das Entlassungsmanagement der Klinik, wo sie operiert werden, das sogenannte Case-Management, bei der Suche behilflich sein. Die haben ihre eigenen Netzwerke und werden eine Reha finden.

Mein Vater hat Parkinson und lebt in einem Kasseler Altersheim. Ich bin aber auf der Suche nach einem neuen Heim. Können mir finanzielle Nachteile entstehen?

Doris Brandstetter: Nein, Sie haben Bestandsschutz. Sie bekommen 1330 Euro für die Pflege. Zum Kostenanteil des Heims, eventuellen Investitionskosten, Geld für Essen und mehr, kann ich aber nichts sagen.

Wenn Sie ein neues Heim suchen, sollten Sie auf jeden Fall genau erfragen, welche Kosten diesbezüglich auf Sie zukommen. Das hat aber nichts mit der Pflegestufe zu tun.

DIE EXPERTINNEN

Die Sozialversicherungsfachangestellte Esen Böyükata (45) ist Pflegeberaterin bei der AOK in Kassel. Doris Brandstetter (52) hat Sozialpädagogik und Sozialarbeit in Kassel studiert. Sie ist Mitarbeiterin des Pflegestützpunkts des Landkreises Kassel. Die Soziologin Angela Joost (53) vom Bildungswerk der hessischen Wirtschaft berät Unternehmen, darin, was sie für Mitarbeiter tun können, in deren Familien ein Pflegefall eintritt. Das Bildungswerk hat seinen Sitz in Bad Nauheim.

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