Fotografin Helena Schätzle war über Monate in Israel

Holocaust-Opfer: Sie lässt der Schrecken nicht los

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Vor dem Tempelberg von Jerusalem: Die Kasseler Fotografin Helena Schätzle umarmt Richard Hirschhorn und dessen Ehefrau. Der 85-Jährige, geboren in Köln, entkam der Deportation mit einem Kindertransport über Frankreich in die USA. Hirschhorn ist eines der Holocaust-Opfer, die Schätzle in Israel fotografierte, porträtierte und im Alltag begleitete.

Kassel. Der Holocaust liegt mehr als 70 Jahre zurück. Der Schrecken jener Zeit nimmt aber für viele Opfer nicht ab.

Mit zunehmendem Alter lässt das Kurzzeitgedächtnis nach, doch das Langzeitgedächtnis hält die Erinnerung an die Erlebnisse in der Kindheit und Jugend wach. In ihrem Fall heißt das: die Erinnerung an Hunger, Diskriminierung und Folter, an Konzentrationslager, Zwangsarbeit und an den Mord an Verwandten, Freunden und Bekannten.

„In Kassel habe ich meine Basis. Wenn ich in Deutschland bin, dann bin ich hier.“

Im Kafe Neu am Weinberg: Helena Schätzle zeigt ihr Bild von Avraham Leibovitch. 1923 in Lubcha geboren, konnte er der Selektion im Ghetto Nowogródek entkommen und überlebte versteckt bei Partisanen. Foto: Hermann

Wie Holocaust-Opfer mit ihren furchtbaren Erinnerungen leben, davon hat sich Helena Schätzle in Israel ein Bild machen können. Über Monate hinweg begleitete die Kasseler Fotografin 14 Betroffene der ersten Generation sowie fünf der zweiten und vier der dritten Generation im Alltag.

Ohne Familie, Habe und Heimat mussten die meisten Holocaust-Opfer nach dem Überleben ein neues Leben beginnen, sagt Helena Schätzle. Aus dem Nichts gekommen zu sein, dennoch wieder Vertrauen gewonnen zu haben und Liebe geben zu können: Das hat die 32-jährige Wahl-Kasselerin (siehe zur Person) an den Menschen, die sie begleitet, fotografiert und porträtiert hat, besonders beeindruckt. „Sie wollen mit dem Hass nichts mehr zu tun haben.“

Doch gelingt das nicht allen und nicht immer. Das Leid lässt sie nicht los. Schätzle berichtet von Opfern, die nur im Sessel an der Tür schlafen, weil sie immer auf der Hut seien. Deren Hunger von einst noch heute ihr Handeln bestimmt, weil sie Lebensmittel horten, obwohl es genügend gibt.

Viermal - insgesamt rund sechs Monate - war die Kasselerin in Israel. Sie fotografierte und interviewte Opfer und Angehörige im Auftrag der Organisation Amcha Deutschland. Diese bemüht sich um psychosoziale Hilfe für die Überlebenden.

War es für sie als Deutsche nicht schwer, mit den Opfern in Kontakt zu kommen und über deren Erlebnisse im Nazi-Deutschland zu sprechen? „Ich bin nie auf Ablehnung gestoßen“, betont die 32-Jährige. Mit vielen halte sie Kontakt, zu einigen hätten sich Freundschaften entwickelt.

Zwei Jahre hat Schätzle an dem Projekt „Leben nach dem Überleben“ gearbeitet. Es sei nicht ihr längstes, aber ein sehr besonderes gewesen. Ihre Bilder und Interviews zeigt sie in einer Wanderausstellung, derzeit in Berlin. Eine Buchveröffentlichung steht bevor.

Ständig unterwegs

Helena Schätzle ist beruflich seit zwei Jahren quasi ständig unterwegs, demnächst fliegt sie wieder nach Indien. „Das geht nicht auf Dauer, das habe ich schon gemerkt“, sagt die 32-Jährige, die Kassel als ihre „Basis“ bezeichnet. Gut möglich, dass sie hier bald wieder sesshafter wird. www.helenaschaetzle.de

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