Bummelzug-Gefühl

ICE-Streckensperrung: Testfahrt von Kassel nach Hamburg

Kein Trubel: Am Bahnhof Wilhelmshöhe war von der ICE-Streckensperrung wenig zu spüren. Die Reisenden hatten sich mit den Fahrplanänderungen abgefunden. Foto: Meyer

Kassel. Frühjahrsputz nennt die Deutsche Bahn die zweiwöchige Streckensperrung zwischen Kassel und Hannover. Wir haben uns mit dem ICE auf den Weg von Kassel nach Hamburg gemacht.

Im Vorfeld war ein Chaos im Nah- und Fernverkehr befürchtet worden, vor allem auch durch die in dieser Woche stattfindende Hannovermesse.

Gegen Sonntagmittag ist es ruhig am Bahnhof Wilhelmshöhe. Vereinzelte Fahrgäste, die am Schalter nach Informationen fragen, aber lange Schlangen sucht man vergebens. Es scheint, als hätten sich die Bahnkunden auf die Sperrung eingestellt oder sich zumindest mit den fehlenden Zügen und längeren Fahrzeiten abgefunden. Alle Fahrten von Kassel nach Hannover, aber auch alle Fahrgäste mit dem Ziel Hamburg oder Berlin sind betroffen. Aber nicht nur die nördlichen Verbindungen, auch alle, die in den Süden fahren, müssen wegen der späteren Ankunft mit geänderten Abfahrtszeiten rechnen.

Auch beim Blick auf die Anzeigentafel bleiben die erwarteten Verspätungen aus. Mal zehn Minuten, mal fünf, aber nichts, was aus dem Rahmen fällt. Auch der ICE78 nach Hamburg ist fast pünktlich. Zehn Minuten Verspätung kann der Bahnkunde noch verschmerzen. Umgekehrte Wagenreihung ist auch noch okay, schallt vom Nachbargleis doch ein „die Reservierungen müssen heute leider entfallen“ rüber.

Langsam macht sich der ICE auf den Weg in den Norden. Anders als auf der Schnellfahrstrecke kann auf der Ausweichstrecke nur mit verringertem Tempo gefahren werden. Der Zug schlängelt sich wie die Fulda durch das nördlichste Nordhessen. Ein Rentner, der in Kassel eingestiegen ist, vermisst Ihringshausen. Er habe gedacht, das könne man jetzt mal vom Zug aus sehen. Aber vielleicht habe er nur nicht richtig hingeschaut. Man sei das ja nicht gewohnt, wo man doch sonst zwischen Kassel und Göttingen aufgrund der vielen Tunnel fast gar kein Tageslicht sieht, fügt er lachend an.

Draußen wechseln sich Sonne, Regen und Schnee ab. Typisches Aprilwetter. Der Zug ist voll, aber nicht so übermäßig, wie durch die Streckensperrung erwartet. Eine Frau sucht ihren Sitzplatz. „Der ist eigentlich im nächsten Wagen“, sagt die Schaffnerin, „aber wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf, bleiben Sie einfach hier. Da drüben sitzt eine Schulklasse, und ich glaube, da haben Sie es hier ganz gut getroffen.“ Allgemeines Gelächter im Wagen.

Wir passieren Witzenhausen und Neu-Eichenberg. Das für einen ICE gemächliche Tempo lässt das Gefühl einer Ausflugsfahrt aufkommen. „Ach, guck mal, was die Kirschen blühen“, freut sich ein älteres Pärchen mit bayerischem Dialekt. Welch schöne Gegend mit den kleinen Fachwerkhäuschen und den Rapsfeldern. Das hört der Nordhesse gerne und fühlt sich geschmeichelt.

Nach gut 50 Minuten erreicht der Zug Göttingen. Die Fahrt dauert über die alte Trasse fast doppelt so lange. Auch in Hannover ist laut Ersatzfahrplan alles pünktlich. Nach einem kurzen Schläfchen ist der ICE78 bereits in Hamburg. Das erwartete Chaos blieb zumindest auf dieser Fahrt aus.

Diese ICE-Linien sind betroffen: 

Noch bis 8. Mai ist die Schnellfahrstrecke Kassel-Hannover gesperrt. Folgende Fernverbindungen sind davon betroffen:

• ICE-Linie 11: Auf der Strecke Berlin-Göttingen-Kassel-Frankfurt-Stuttgart-München werden die Züge über Erfurt umgeleitet. Die Stopps in Göttingen und Kassel entfallen. Die Züge verkehren im Zwei-Stunden-Takt und kommen wegen der Umleitung 30 Minuten später in Berlin an und starten dort auch 30 Minuten eher.

• ICE-Linie 12: Auch für die Züge der Strecke Berlin-Göttingen-Kassel-Frankfurt-Basel gilt ab sofort ein „Baufahrplan“. In Berlin fahren sie bis zu 60 Minuten früher ab, in die Gegenrichtung verspäten sie sich um bis zu 60 Minuten.

• ICE-Linien 20 und 22: Erhebliche Verspätungen gibt es auch auf der Verbindung Hamburg-Göttingen-Kassel-Stuttgart-Basel. Die im Stundentakt fahrenden Züge werden auf die parallel verlaufende Leinetalstrecke umgeleitet und kommen deshalb in Hamburg mit 60 Minuten Verspätung an und gehen dort eine Stunde früher als sonst auf die Strecke.

• ICE-Linie 25: Auf der Strecke Hamburg-Bremen-Göttingen-Kassel-München werden zwischen Hannover und Bremen Shuttle-Züge eingesetzt. Die Züge kommen eine Stunde später in Hamburg an und fahren dort eine Stunde eher los.

• IC-Linie 26: Auch die Intercity-Linie Hamburg-Hannover-Kassel-Gießen-Frankfurt-Karlsruhe ist betroffen. Zwischen Hannover und Kassel-Wilhelmshöhe fahren während der Bauphase nur einzelne Züge - ein Großteil der Verbindungen fällt aus.

Infos über die Fahrplanänderungen gibt es hier sowie unter Bahn.de. Die Bahn bietet einen individuellen Verspätungs-Alarm per Push-Nachricht an.

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