Rettung aus Nuss-Schalen

Inge Schütte half 1980 Flüchtlingen in Not auf hoher See

Inge Schütte half und hilft: In einem Ordner hat sie Fotos, Zeitungsauschnitte sowie ihre Korrespondenz mit Rupert Neudeck abgeheftet.

Kassel. Wenn Inge Schütte Bilder von Flüchtlingen sieht, die sich in Schlauchbooten durchs Mittelmeer kämpfen, ist das für sie jedes Mal ein erschütterndes Déjà-vu.

Vor über 35 Jahren war sie selber auf einem Schiff unterwegs, um Flüchtlingen in Not zu helfen.

Die Intensivkinderkrankenschwester aus Kassel gehörte zum medizinischen Team an Bord der legendären „Cap Anamur“, um „Boatpeople“, Flüchtlinge aus Vietnam, aus dem Chinesischen Meer zu retten.

Als sich vor Tagen die überraschende Nachricht vom Tod des 77-jährigen Gründers der Hilfsorganisation „Cap Anamur - Deutsche Not-Ärzte“, Rupert Neudeck, verbreitete, trauerte Deutschland um ein „großes Vorbild für Mitmenschlichkeit“, wie es Bundespräsident Gauck formulierte. Inge Schütte trauert außerdem um einen Freund. „Er hatte noch so viel vor“, sagt sie. Nur wenige Monate nachdem Neudeck am 13. August 1979 die ersten Menschen aus ihren Nuss-Schalen an Bord der Cap Anamur genommen hatte, stach auch Inge Schütte von Singapur aus in See.

Engagiert: Inge Schütte 1981 während einer von ihr organisierten Ausstellung über Hilfsprojekte und die Cap Anamur in der damaligen Stadtsparkasse Kassel.

„Ich wollte immer Entwicklungshelferin werden“, sagt die heute 60-jährige Rentnerin. Nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester arbeitete sie im damaligen Kinderkrankenhaus Park Schönfeld auf der Intensivstation für Neugeborene. Die Arbeit bereitete ihr so viel Freude, dass sie ihre idealistischen Auslandspläne auf Eis legte. Ein Aufruf Neudecks in der Ärztezeitung, wo er für sein Hilfsprojekt Mitstreiter suchte, erregte die Aufmerksamkeit eines Oberarztes aus der Kinderklinik. Er überredete Inge Schütte, ein paar Wochen lang das Team der Cap Anamur zu unterstützen. „Mein Mann ermutigte mich ebenfalls.“ Das Abenteuer konnte beginnen.

In Singapur, wo es bürokratische Probleme gab, intervenierte Neudeck persönlich, erinnert sich Schütte: „Rupert war ein Macher, unbequem, zupackend und warmherzig.“ Fast hundert entkräftete Menschen in einem „miserablen gesundheitlichen Zustand“ wurden in der Zeit, als Inge Schütte an Bord war, gerettet. Mit einem der Überlebenden steht sie bis heute in innigem Kontakt.

Für die verwitwete Mutter eines erwachsenen Sohnes schließt sich der Kreis, wenn sie sich heute mit Elan und Herzenswärme erneut ehrenamtlich für Flüchtlinge in Kassel und in Calden engagiert. Sie sagt: „Wir Menschen sind mit tollen Gaben, mit Herz und Verstand, ausgestattet. Die sollten wir auch nutzen.“

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