Interview zum Karikaturenstreit: „Kirche sollte Kirche im Dorf lassen“

Solidaritätsbekundung: Der Hamburger Zeichner Piero Masztalerz stellt sich mit seiner Karikatur schützend vor seinen Kollegen Mario Lars. Bild: Masztalerz/bf

Kassel. Eine Jesus-Karikatur an der Fassade des Kulturbahnhofs sorgt für Kritik der christlichen Kirchen: Sie fordern von der Caricatura, die Außenwerbung für die aktuelle Ausstellung zu entfernen (HNA berichtete).

Die Aufregung um seine Zeichnung ist dem Karikaturisten Mario Lars in seiner Heimat Gneven (nahe Schwerin) nicht entgangen. Wir sprachen mit Lars über die Kritik der Kirchen, die dessen Karikatur wegen der „Verletzung religiöser Gefühle“ ablehnen.

Sie sind von der Caricatura über die Debatte um Ihr Bild informiert worden. Wie war Ihre spontane Reaktion?

Mario Lars: Schade. Es war nicht meine Absicht, die Gefühle von Gläubigen zu verletzen. Ich habe nur einen Witz gemacht. Den kann man doof oder gut finden. Wenn Sie eine Karikatur vier Personen zeigen, haben Sie am Ende vier Meinungen. Humor ist nicht steuerbar. Einen Staatsakt daraus zu machen, halte ich für übertrieben.

Sie hätten mehr Gelassenheit von der Kirche erwartet?

Lars: Ja, hier passt der Spruch: die Kirche im Dorf lassen. Eine solche Institution sollte über den Dingen stehen und sich wichtigeren Problemen zuwenden. Diese große Aufregung über einen kleinen Witz tut der Kirche nicht gut.

Warum?

Lars: Wenn jemand nicht mehr über sich lachen kann, dann wird es eng. Erst recht, wenn dieser jemand anfängt, Witze unterbinden zu wollen. Dabei ist das, worüber man sich aufregt, nicht einmal ein Witz.

Wie meinen Sie das?

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Lars: Im Prinzip ist es die Geschichte. Ich bin nicht der große Christ, aber ich weiß: Wenn Jesus Gottes Sohn ist, dann gab es einen Kontakt zwischen Gott und Maria. Selbst wenn Jesus tatsächlich das Ergebnis unbefleckter Empfängnis war, stimmt die Geschichte zumindest im übertragenen Sinn. Der eigentliche Witz ist, wie Gott mit seinem Sohn spricht. Ich hätte auch noch Jesus eine Sprechblase geben können: „Papa, du nervst!“

Finden Sie Ihren Cartoon gelungen?

Lars: Ich finde ihn immer noch gut. Ich bin mir sicher, wenn die Caricatura das Bild nicht vergrößert und so prominent platziert hätte, hätte sich keiner aufgeregt. Viele stoßen sich, glaube ich, am Begriff „Ficken“, dabei gehört der heute zur Umgangssprache unter jungen Menschen – da hört ja keiner mehr hin.

Hat die Zeichnung bei Ausstellungen andernorts derartige Reaktionen ausgelöst?

Lars: Nein, diese sorgt zum ersten Mal für Aufregung. Aber wenn man ein Thema anfasst, bei dem die Kirche beteiligt ist, gibt es oft Kritik aus den Reihen der Gläubigen – aber auch Lacher.

Haben Sie aus Kassel direkte Beschwerden erhalten?

Lars: Ja, ein paar Mails mit der Forderung, ich solle die Karikatur zurückziehen. Nette Mails.

Wie gehen Sie mit Kritik an Ihrer Arbeit um?

Lars: Ich nehme die Angriffe nicht persönlich. Wer Witze macht, muss auch einstecken können. Aber egal worüber man Witze macht, es gibt immer irgendeine Zielgruppe, die sich angegriffen fühlt. Manchmal schießt die auch zurück. Solange das nicht in persönlichen Diffamierungen endet, ist alles gut.

Die Aufregung ist sicher eine gute Werbung für Ihre Bilder?

Lars: Nein, eine gute Werbung für Cartoonisten sind lachende Menschen. Ich mache keine Witze, um Menschen zu verletzen.

Hintergrund: Ausstellung läuft bis 16. September

Parallel zur documenta zeigt die Caricatura die Überblicksschau „Caricatura VI: Die Komische Kunst - analog, digital, international“ in ihren Räumen im Kulturbahnhof. Die Ausstellung zeigt Werke vieler europäischer Karikaturisten und ist noch bis 16. September täglich von 10 bis 21 Uhr zu sehen. Eintritt: acht Euro, ermäßigt fünf Euro. (bal)

Zur Person Mario Lars

Mario Lars (47) arbeitet seit 1990 als Karikaturist. Er wohnt in Gneven (nahe Schwerin), ist verheiratet und hat vier Kinder. Für eine seiner Karikaturen erhielt er dieses Jahr den dritten Preis des Deutschen Karikaturenpreises.

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