Papst stahl zehn Tage

Interview: Planetariumsleiter über Schaltjahre und ihren Sinn

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Kassel. Alle vier Jahre ist Schaltjahr und das bedeutet, dass der Februar 29 Tage hat. Viel mehr wissen die meisten Menschen wohl nicht über das kalendarische Phänomen.

Wir fragten Dr. Karsten Gaulke, wissenschaftlicher Leiter des Astronomisch-Physikalischen Kabinetts und Planetariums in Kassel, was ein Schaltjahr ist und warum wir es brauchen.

Wer hat Schaltjahre als erster erfunden?

Karten Gaulke: Es gab und gibt Schaltjahre auch in anderen Kulturen. Wer als erstes auf die Idee von Schaltregeln kam, ist daher nicht zu beantworten - nicht einmal, welche Kultur die erste war.

Seit wann gibt es Schaltjahre, wie wir sie heute kennen mit einem Schalttag?

Gaulke: Schaltjahre in unserem heutigen Sinn existieren seit der julianischen Kalenderreform, die Julius Caesar im Jahr 44 v. Chr organisiert und sein aus der Gelehrtenschule Alexandrias stammender Astronom Sosigenes durchgerechnet hat.

Welches Problem musste der Astronom Sosigenes lösen?

Dr. Karsten Gaulke

Gaulke: Da das Sonnenjahr, also der Zeitraum zwischen zwei Frühlings-Tagundnachtgleichen (auch Frühlingspunkt genannt) 365,2422 und nicht 365 Tage dauert, stellt sich die Frage, wie man diesen Bruchteil von 0,2422 in einen ganzzahligen Kalender einbauen kann. Sosigenes löste dies, indem er sagte, dass alle vier Jahre ein Schalttag eingeführt wird. Damit beträgt die Jahreslänge nach Sosigenes 365,25 was unserem heutigen Wert von 365,2422 Tagen sehr nahe kommt - aber eben nicht ganz.

Das heißt, Sosigenes Schaltjahr-Lösung musste nochmal überarbeitet werden?

Gaulke: Sosigenes‘ Jahr ist acht Minuten zu lang, was dazu führt, dass nach und nach das tatsächliche Durchschreiten der Sonne durch den Frühlingspunkt im julianischen Kalender immer etwas weiter in Richtung Winter liegt. 1582, als Papst Gregor XIII. die Gregorianische Kalenderreform verkündete, war die Diskrepanz zwischen dem wahren Frühlingspunkt, der am 11. März lag und dem kalendarischen Frühlingsanfang am 21. März auf zehn Tage angewachsen. Papst Gregor XIII. beseitigte die Diskrepanz, in dem er verfügte, dass auf den 4. Oktober 1582 der 15. Oktober 1582 zu folgen habe. Er ließ einfach zehn Tage aus dem Kalender streichen.

Gibt es Schaltjahre tatsächlich nur alle vier Jahre?

Gaulke: Heutzutage ist die Schaltregel notwendigerweise nicht julianisch, da wir ja keine Jahreslänge von 365,25 haben wollen, sondern eben 365,2422. Dies geht im gregorianischen Kalender durch eine einfache Anpassung der julianischen Schaltregel.

Wie sieht diese aus?

Gaulke: Jedes vierte Jahr, das durch vier teilbar ist, ist ein Schaltjahr, wie im julianischen Kalender. Mit einer Ausnahme: Die Jahre, die zusätzlich durch 100 teilbar sind, sind keine Schaltjahre. Das wären also 1500, 1600, 1700, 1800, 1900, 2000, 2100, 2200, 2300, 2400 und so weiter.

Das klingt kompliziert.

Gaulke: Es gilt aber sogar noch eine dritte Schaltregel, da das kalendarische Jahr so noch zu kurz wäre: Wenn die durch 100 teilbaren Jahre zusätzlich durch 400 teilbar sind, sind sie wieder Schaltjahre.

In der oben aufgezeichneten Reihe wären dies 1600, 2000, 2400. Das durch diese Schaltregeln definierte gregorianische Jahr ist folglich 365,2425 Tage lang, also ein winziges bisschen länger als die astronomisch messbare Zeitperiode von Frühlingspunkt zu Frühlingspunkt.

Es ist also nie wieder eine Anpassung nötig?

Gaulke: Erst nach 3000 Jahren wäre die Abweichung des Kalenders vom Himmel auf etwa einen Tag angewachsen, damit ist also für unsere Epoche der dem neuen Kalender immanente Fehler zu vernachlässigen.

Zur Person: Karsten Gaulke (48) ist promovierter Astronomie-Historiker, seit 2003 wissenschaftlicher Leiter des Astronomisch-Physikalischen Kabinetts und des Planetariums. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Witzenhausen-Gertenbach.

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