Interview mit Sozialarbeiterin: „Kinder suchen die Schuld bei sich“

Ein kleines Kind sitzt an einem Tisch in einer Wohnung, im Vordergrund leere Bierflaschen und Spirituosen. Foto: Picture Alliance

Kassel. Wenn Eltern sucht- oder psychisch krank sind, leiden auch die Kinder. Die Suchtberatung des Diakonischen Werks Kassel und der Emstaler Verein bieten jetzt eine neue Gruppe für Kinder aus belasteten Familien an.

Wir sprachen darüber mit der Sozialpädagogin Anna Kubetzek vom Diakonischen Werk.

Warum brauchen die Kinder Hilfe, wenn die Eltern suchtkrank sind oder psychische Störungen haben? 

Anna Kubetzek: So eine Erkrankung hat Auswirkungen auf das ganze Familiensystem. Die Kinder übernehmen häufig Aufgaben der Eltern, kochen zum Beispiel Essen für die ganze Familie oder betreuen jüngere Geschwister. Dadurch werden die Kinder überfordert. Häufig geht mit der Situation auch einher, dass die Kinder sozial isoliert sind. Sie trauen sich zum Beispiel nicht, Freunde mit nach Hause zu bringen, aus Angst, es könnte die Runde machen, dass mit Vater oder Mutter etwas nicht stimmt.

Worunter leiden die Kinder am meisten?

Kubetzek: Sie wollen natürlich nicht, dass es ihren Eltern schlecht geht, haben aber keinen Einfluss darauf. Oft denken die Kinder, sie seien schuld: „Weil ich eine schlechte Note geschrieben oder Widerworte gegeben habe, geht es Mama jetzt schlecht.“ Deshalb ist es so wichtig, dass Eltern ihren Kindern klarmachen, dass es mit ihnen nichts zu tun hat.

Also sollten die betroffenen Eltern offen mit den Kindern über ihre Erkrankung reden? 

Kubetzek: Ja, man sollte dem Kind altersgerecht erklären, dass man krank ist. Und dass man eine Behandlung braucht, damit es wieder gut wird. Dabei muss man sensibel vorgehen und sollte nicht dramatisieren. Denn eine Krankheit kann bei Kindern auch Ängste schüren, weil sie wissen, dass es auch Krankheiten gibt, an denen man sterben kann. Auf keinen Fall sollte man das Thema totschweigen. Denn Kinder bekommen sowieso mit, dass etwas nicht stimmt, sie haben sehr feine Antennen. Aber wenn sie nicht wissen, was ist, malen sie sich das Schlimmste aus oder denken: Es hat mit mir zu tun.

Haben die Kinder durch ihre Lebenssituation selbst schon Auffälligkeiten entwickelt? 

Kubetzek: Viele betroffene Kinder verhalten sich sehr angepasst. Sie schlucken vieles herunter, um die Eltern nicht weiter zu belasten. Manche Kinder nehmen auch Rollen ein und spielen immer den Kasper, weil sie versuchen, ihre Eltern aufzumuntern. Die meisten sind aber eher zurückgezogen. Kinder, deren Elternteil eine Angststörung oder Wahnvorstellungen hat, sind natürlich nicht so unbeschwert wie viele Altersgenossen. Solche Veränderungen sind aber noch nicht so manifest, dass man sie nicht mit anderen Erlebnissen ausgleichen könnte. Deshalb ist ja ein präventives Angebot so wichtig.

Was machen Sie in der Gruppe mit den Kindern? 

Kubetzek: Wir wollen ihnen einen Raum geben, wo sie offen über ihre Erfahrungen und Sorgen sprechen und auch alles fragen können. Zum Beispiel arbeiten wir mit einem Buch über ein Mädchen, dessen Mutter psychisch krank ist. An das Erzählte können die Kinder anknüpfen. Viele öffnen sich dann ganz schnell. Wir überlegen mit den Kindern, an wen sie sich wenden können, wenn es ihnen nicht gut geht. Wir machen aber auch schöne Sachen wie Bewegungsspiele oder Ausflüge, damit die Kinder positive Erlebnisse haben.

Sind Kinder aus Familien mit Sucht- oder psychischer Erkrankung gefährdet, später selbst krank zu werden? 

Kubetzek: Man weiß, dass das Risiko gegenüber Kindern aus unbelasteten Familien drei- bis fünffach erhöht ist. Deshalb sind für eine gesunde Entwicklung ein offener Umgang und eine Stärkung des einzelnen Kindes wichtig. Dazu gehört neben der Offenheit der Eltern auch, dass sie für sich selbst Hilfe annehmen - auch als Signal für das Kind. Denn Eltern sind immer Modelle für späteres Verhalten.

Projekt Wellenreiter: Träger hoffen auf Fortsetzung

Die Gruppe „Wellenreiter“ für Kinder aus sucht- und psychisch belasteten Familien läuft seit September bis Mitte Dezember. Sie umfasst 15 Termine und wird von acht Kindern im Alter von acht bis 13 Jahren besucht. Die Treffen finden bei der Suchtberatung des Diakonischen Werks in Kassel statt. Die Gruppe wird vom Diakonischen Werk zusammen mit dem Emstaler Verein geleitet. Das Angebot richtet sich bisher nur an Kinder aus dem Kreis Kassel, weil es nur vom Landkreis finanziell gefördert wird, die Stadt beteiligt sich nicht. Die Träger hoffen, dass das Angebot mit zwei Gruppen pro Jahr fortgesetzt werden kann.

Kontakt: • Diakonisches Werk, Zentrum für Sucht- und Sozialtherapie, Tel. 0561/93 89 50, suchtberatung@dw-kassel.de

• Emstaler Verein, Tel. 05692/98 690, michaela.

rohde@emstaler-verein.de

Für Kinder psychisch kranker Eltern aus der Stadt bietet das Familienberatungszentrum Kassel Patenschaften an. Kontakt: 0561/78 44 90.

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