Psychiaterin Birgit von Hecker

Interview über Serienbrandstifter: "Meist männlich und wenig intelligent"

Kassel. Wenn Menschen immer wieder Feuer legen, spricht man von Pyromanie. Was steckt hinter dem Drang zum Zündeln? Wir sprachen mit Dr. Birgit von Hecker, Ärztliche Direktorin der Vitos-Klinik für Forensische Psychiatrie in Bad Emstal.

Was genau ist eigentlich Pyromanie?

Birgit von Hecker: Das ist ein diagnostischer Begriff aus dem 19. Jahrhundert, mit dem der krankhafte Drang, Feuer zu legen, bezeichnet wurde. Heute wird er in der forensischen Psychiatrie nicht mehr verwendet. Wir sprechen von Serienbrandstiftern. Solche Fälle gibt es immer wieder. Ein Teil davon weist bestimmte Charakteristiken auf.

Welche denn?

von Hecker: Meist sind es Männer, die häufig eine Affinität zur Feuerwehr haben. Häufig ist eine Kombination aus zu viel Alkohol und einer geringen intellektuellen Leistungsfähigkeit zu beobachten. Die Patienten sind über zufällig häufig Alkoholiker und zugleich in ihren Problemlösefähigkeiten stark eingeschränkt. Wenn sie unter Druck geraten, neigen sie dazu zu zündeln.

Hat das Zündeln eine Art Ventilfunktion, um Druck abzubauen?

von Hecker: Das könnte man so sagen. Die Betroffenen sind häufig nicht in der Lage, sich durchzusetzen oder mit Problemen in Beziehungen umzugehen. Wenn sich Frust aufbaut, fangen sie an, Dinge anzustecken, um sich zu entlasten. Dann kommt die Feuerwehr, und es gibt einen großen Wirbel. Diese Reaktion schafft den Brandstiftern dann eine Art Genugtuung. Eine Krankheit Pyromanie gibt es nicht. Es sind Menschen mit einer schwierigen Persönlichkeit, die auf dieses Verhalten zurückgreifen, um sich zu entlasten.

Es gab schon häufiger Fälle, wo die Täter aus den Reihen der Feuerwehr kamen.

von Hecker: Es gibt häufig einen Bezug zur Feuerwehr. Entweder sind die Betroffenen leidenschaftliche Mitglieder der Feuerwehr und hoffen, dass sie sich bei einem Einsatz besonders hervortun können. Sie schaffen den Anlass für den Einsatz dann selbst. Es gibt aber auch Fälle, wo der Betroffene gern zur Feuerwehr gehören würde, aber gescheitert ist.

Wie kann man Serienbrandstifter behandeln?

von Hecker: Wenn es sich um Alkoholiker handelt, wird zunächst eine Entgiftung gemacht. Dann arbeiten wir mit sogenannter Psychoedukation. Wir machen dem Patienten deutlich, welche Folgen ein Brand haben kann: dass er außer Kontrolle geraten kann und vor allem durch den Rauch Menschen sterben können. Die Patienten machen sich das meist nicht klar. Sie sind nicht in der Lage, so abstrakt zu denken. Sie stecken etwas an, denken „Es brennt so schön“, können aber die Folgen nicht überblicken.

Wie groß ist die Aussicht auf Erfolg?

von Hecker: Das hängt davon ab, wie man die Grunderkrankung behandeln kann. Es ist individuell sehr unterschiedlich, was dahintersteckt. Wichtig ist, den Patienten in ein Umfeld zu entlassen, das sein Problem nicht erneut auslöst. Wer schnell überfordert ist, muss eine Umgebung haben, die das erkennt und denjenigen entlastet und unterstützt. Damit erst gar keine Situationen entstehen, in denen er auf sein altes Muster zurückgreift und Feuer legt. Deshalb werden auch Behandlungsverfahren angewendet, in denen Problemerkennung und Problemlösung mit den Betroffenen trainiert werden. Dabei üben sie zum Beispiel in Rollenspielen ein, wie sie mit Konflikten oder Schwierigkeiten besser umgehen können.

Rubriklistenbild: © Beutner

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