Erinnerungen an das Volksfest

90 Jahre Zissel: Leser erzählen ihre Geschichte

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Wellenreiten am Finkenherd

Der Zissel, das größte nordhessische Volks- und Wasserfest, feiert in diesem Jahr vom 29. Juli bis 1. August seinen 90. Geburtstag. Das war ein guter Grund, unsere Leser aufzufordern, ihre Erinnerungen an den Zissel an uns zu schicken. Dabei sind wunderbare Geschichten ans Licht gekommen.

1. Geschichte: Der „Playboy“wollte die Königin

Carola Herbst war 26 Jahre alt, als sie sich 1988 von Freunden dazu überreden ließ, bei der Wahl der Zisselkönigin mitzumachen. „Das ist aus einem Spaß entstanden“, erinnert sich die heute 54-jährige Frau aus Baunatal.

Aus Spaß wurde Ernst. Carola Herbst wurde zur Zisselkönigin gewählt. Die ganzen Verpflichtungen, die sie in dieser Funktion hatte, seien natürlich auch anstrengend gewesen. „Nichtsdestotrotz war es richtig gut. Es war toll, mit vielen Leuten zusammenzukommen, die ich sonst vielleicht nicht kennengelernt hätte“, sagt Herbst. Der Umgang mit Kassels damaligem Oberbürgermeister Hans Eichel und mit Zisselpräsident Helmut Kerl sei sehr gut gewesen. „Kerl wollte sogar, dass ich zwei Jahre Königin bleibe“, erzählt die ehemalige Hoheit. Das sei ihr dann aber doch zu viel gewesen.

Eine Sache bereut Carola Herbst ein bisschen. Damals habe sie als Königin Angebote vom „Playboy“ und der „Neuen Revue“ bekommen, die sie fotografieren wollten. Weil sie bei ihrem Arbeitgeber VW aber beruflich weiterkommen wollte, habe sie das abgelehnt, sagt die Frau, die mittlerweile als Industriefachwirtin bei dem Autokonzern in Baunatal arbeitet.

Heutzutage wäre sie weniger zurückhaltend. Über solche Fotos rege sich doch niemand mehr auf, sagt Carola Herbst.

2. Geschichte: Wellenreiten am Finkenherd

Irmgard Nöller schwärmt von den Zisselumzügen in den 1950er-Jahren. „Das waren noch echte Umzüge“, erzählt die 90-jährige Frau, die in der Kasseler Südstadt lebt. Ihre lebhaften Erinnerungen lassen sich allerdings auch damit begründen, dass Irmgard Nöller selbst 40 Jahre lang begeistert Wassersport betrieben hat. Die junge Frau war Mitglied im Wasserskiclub, dessen Mitglieder natürlich auch beim Wasserfestzug teilnahmen. Das Foto aus dem August 1950, auf dem Irmgard Nöller rechts im Bikini zu sehen ist, entstand allerdings nicht beim Zissel. Eigentlich wollte die junge Frau damals nur baden gehen, als sie von dem Fotografen Jochen Lengemann angesprochen wurde. Der war von den beiden Damen beim Wellenreiten sehr beeindruckt. Als das Bild am 12. August 1950 in den Hessischen Nachrichten erschien, stand darunter: „Hochauf schlagen die Wellen, silbern glitzernde Spritzer stäuben ins Sonnenlicht, und auf den im sprudelnden Heckwasser des über das Wasser rasenden Motorboots flitzen lachende Mädchen durch den Sonnentag. Nicht in Miami und auch nicht an der Riviera, sondern auf der Fulda bei Kassel.“


3. Geschichte: Zissel vereinte Famillie

Die Anzeige

Der Hering, den Hans Börger im Jahr 1949 aus grau bemaltem Leinen und einem Eisengestell in seiner Werkstatt an der Holländischen Straße in Kassel gefertigt hatte, war etwas ganz Besonderes. Und zwar aus doppeltem Grund: Laut seinem Neffen, Herbert Müller aus Vellmar, war der etwa fünf Meter lange Fisch nicht nur das Wahrzeichen des ersten Zissels nach dem Zweiten Weltkrieg. Er sorgte auch dafür, dass sich Herbert Müller und sein Onkel im Jahr 1949 nach zehn Jahren zum ersten Mal wiedersahen.

„Ich entdeckte zufällig ein Foto in der Zeitung, auf dem zu sehen war, wie der Hering am Rondell in Kassel aufgehängt wurde. Daneben stand mein Onkel Hans.“

Der gebürtige Kasseler hatte seine Kindheit und Jugend in Sachsen-Anhalt verbracht, wo sein Vater beruflich tätig war. Mit 18 kehrte Herbert Müller ohne seine Familie in seine Geburtsstadt zurück. „Ich war im Juni gerade erst zurückgekommen und hatte hier noch keinen Kontakt zu meinen Verwandten.

Mithilfe des Artikels, den ich im August in den Hessischen Nachrichten las, konnte ich meinen Onkel ausfindig machen“, sagt der heute 87-Jährige, der Hans Börger kurz darauf in dessen Werkstatt in einem Hinterhof in der Kasseler Nordstadt besuchte. Als Stuckateur und Polsterer habe sein Onkel unter anderem für das Kasseler Staatstheater gearbeitet und zum Beispiel Masken sowie einen Schwan für die Inszenierung der Wagner-Oper Lohengrin hergestellt, erzählt Herbert Müller stolz. Im Auftrag der Stadt Kassel habe der damals 52-Jährige 1949 schließlich eigenhändig auch den Zisselhering konstruiert.

Nicht nur wegen des Wiedersehens mit seinem Onkel denkt Herbert Müller, inzwischen 87, mit Freude an den Zissel zurück. „Meine Frau und ich waren jahrelang Mitglieder in der Paddelgruppe der Älteren Casseler Turngemeinde (ACT) Kassel und haben regelmäßig an den Wasserfestzügen teilgenommen“, sagt der Rentner, während er in einem Album mit alten Fotos blättert, die ihn dabei zeigen. „Heute mögen wir es ruhiger - doch das war eine schöne Zeit.“

4. Geschichte: Rote Ampel beim Festzug verloren

Beim Zissel ging es schon immer rund, auch beim ersten nach dem Zweiten Weltkrieg. Was genau während des Festzugs auf dem Wagen der „Zisselheringsspende“ passierte, ist nicht überliefert. Jedenfalls muss es so wild hergegangen sein, dass eine rote Fischdampfer-Positions-Lampe unbemerkt vom Wagen fiel. Ein so wertvolles Stück, für das die Zisselaner gar am 9. August 1949 eine Anzeige aufgaben. Ob die Lampe bei der „Nordsee“ gegen Finderlohn abgegeben wurde, ist leider auch nicht überliefert

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