Jedes Grab ein Schicksal

Volksbund hat Schicksale von Opfern des Weltkriegs in Kassel rekonstruiert

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Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hatte zur Gedenkstunde geladen: Schüler der Offenen Schule Waldau und der Georg-August-Zinn-Schule stellten auf dem Gräberfeld Einzelschicksale vor. Im Vordergrund rechts Lotte Wöllenstein von der OSW.

Kassel. Die Kriegsgräber auf dem Hauptfriedhof sollen zum Lernort für die jüngere deutsche Geschichte werden. Deshalb hat der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge Tafeln mit Informationen über Einzelschicksale aufgestellt.

Zu Lebzeiten sind sie sich wahrscheinlich nie begegnet. Hiltrud Koch (Artikel links), die aus Schlesien stammte und als Haushaltshilfe bei einem Kasseler Arzt arbeitete, kam in der verheerenden Bombennacht vom 22. Oktober 1943 ums Leben. Gottlieb Kubik (Artikel unten) wurde in Tschechien geboren und starb im Wehlheider Zuchthaus bei einem Luftangriff im September 1944. Die Gräber von beiden befinden sich auf dem Kasseler Hauptfriedhof. An die Schicksale von Hiltrud Koch und Gottlieb Kubik sowie von zehn weiteren Opfern des Krieges erinnern seit gestern Tafeln mit einigen biografischen Daten. In einer Feierstunde auf dem Gräberfeld für die Kriegstoten wurden die Tafeln gestern erstmals präsentiert.

Die Initiative für diese Form des Gedenkens geht vom Landesverband Hessen des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge aus, der seine Bundeszentrale in Kassel hat. Bei der Feierstunde sagte der Vorsitzende des hessischen Landesverbandes und ehemalige Landtagspräsident Karl Starzacher, dass man so die Erinnerung wachhalten wolle. Mehr als 70 Jahre nach Kriegsende seien die Gräber der Opfer eine ständige Mahnung. Ziel sei es, die Kriegsgräberstätten für nachfolgende Generationen als einen Lernort für die Ereignisse der jüngeren Geschichte zu erhalten.

Mit einem durch das Land Hessen geförderten Forschungsprojekt hat der Volksbund einige der Einzelschicksale dokumentiert. Sie stehen für viele andere, die zum Beispiel in der Bombennacht vom 22. Oktober 1943 ums Leben kamen. Allein 3500 zivile Opfer der Luftangriffe auf Kassel sind auf dem Hauptfriedhof begraben. Auf dem Gräberfeld für die ausländischen Kriegstoten gibt es aber auch Beispiele für die Opfer aus den Reihen der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter. Nicht weit davon entfernt sind die Gräber von 617 deutschen und ausländischen Wehrmachtssoldaten.

Gedacht wird zudem der Menschen, die im Zuchthaus Wehlheiden als politische Gegner der Nazis sowie als sogenannte Volksschädlinge inhaftiert waren und dort ihr Leben ließen.

An der Feierstunde auf dem Kasseler Hauptfriedhof nahmen gestern der Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Markus Meckel, Generalsekretärin Daniela Schily, Stadtdekanin Barbara Heinrich sowie Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen teil.

Schüler mit dabei

Die Vorstellung der Einzelschicksale auf dem Gräberfeld übernahmen Schüler der Offenen Schule Waldau sowie der Georg-August-Zinn-Europaschule.

Hintergrund: Mehr als 11.000 Tote im Krieg

Allein auf dem Kasseler Hauptfriedhof sind 4400 Menschen begraben, die im Zweiten Weltkrieg ums Leben kamen. Kassel ist die hessische Stadt mit den meisten Kriegstoten: 11-180 Opfer liegen auf den 13 Kriegsgräberstätten der Stadt. An zweiter Stelle in Hessen kommt nach Angaben des Volksbundes das viel größere Frankfurt mit 10.658 Opfern.

Sie starb in der Bombennacht

Hiltrud Koch steht beispielhaft für 3500 von 10 000 Opfern, die nach der Bombennacht vom 22. Oktober 1943 auf dem Kasseler Hauptfriedhof begraben wurden. Dass es von ihr ein Foto gibt, ist die seltene Ausnahme. Durch die Recherchen des Volksbundes kam es zum Kontakt mit Angehörigen. Hiltrud Koch wurde in Schlesien geboren und ging als junge Frau nach Kassel. Sie war Haushaltshilfe bei einem Arzt. Wo genau, ist nicht bekannt. In Kassel lernte sie ihren späteren Mann Richard Koch kennen. Zum Zeitpunkt ihres Todes war sie 22 und hochschwanger. Richard Koch, der als Soldat nach der Kasseler Bombennacht einige Tage Heimaturlaub bekam, suchte seine Frau vergeblich in der zerstörten Stadt. 

Gräberfeld der Bombenopfer, Abteilung 30, Grab 1172.

Vor Einmarsch erschossen

Als die Amerikaner schon fast in Kassel einmarschiert waren, wurde Fritz Breser am 3. April 1945 noch erschossen. Der Kasseler Stadtkommandant Generalmajor Johannes von Erxleben war persönlich dafür verantwortlich. Wegen angeblicher Plünderung hatte er die Waffe gegen Breser gezogen. Nach dem Krieg wurde er dafür wegen Totschlags zu zehn Monaten Haft verurteilt. Fritz Breser wurde 1914 in Erfurt geboren und 1941 nach einer schweren Verwundung aus der Wehrmacht entlassen. In Kassel war der Krieg am 4. April 1945 beendet. Fritz Breser erlebte das nicht mehr.

Gräberfeld der Soldaten, Grab 602.

Weggesperrt und getötet

Klemens Behrwind war 22 Jahre alt, als er ins Zuchthaus nach Wehlheiden kam. Der junge Mann aus Schweinfurt war wegen „geistiger Minderwertigkeit“ aus der Wehrmacht entlassen worden. In seiner Heimatstadt war er als „Volksschädling“ verurteilt worden. Sein Vergehen: Behrwind hatte in zerstörten Häusern nach etwas Brauchbarem gesucht. Wie er ums Leben kam, geht aus den Akten nicht hervor. Wahrscheinlich wurde er erschossen. Dafür spricht sein Todesdatum am 3. April 1945, einen Tag vor dem Einmarsch der Amerikaner.

Gräberfeld 18, Zuchthaus Wehlheiden.

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