Symposium zum 30. Todestag

Heutige Bedeutung des documenta-Künstlers: „Das Denken von Beuys ist Dynamit“

Joseph Beuys

Kassel. Jede neue Idee werde erst belächelt, dann bekämpft und sei irgendwann selbstverständlich. Rhea Thönges-Stringaris, die als Vertraute von Joseph Beuys die Kasseler Zweigstelle von dessen „Freier Internationaler Universität“ gegründet hatte, bezog dieses Schopenhauer-Zitat auf den siebenmaligen documenta-Künstler.

Anlass war ein Symposium zu dessen 30. Todestag des Künstlers (1921-1986) in der Kunsthochschule.

120 Anmeldungen auch aus der Schweiz und den Niederlanden verzeichnete die Stiftung 7000 Eichen als Veranstalter, berichtete Vorsitzender Volker Schäfer, für die acht Stunden voller Vorträge, Filme und Diskussionen. „Was bleibt – was wird“ – dieser Frage stellten sich neben der Kasseler Kunsthistorikerin und Ex-Stadtverordneten zum Abschluss Filmemacher Andres Veiel und Grünen-Mitgründer Lukas Beckmann.

Für den Film- und Theaterregisseur Veiel („Black Box BRD“, „Der Kick“) enthält das Beuys’sche Denken noch immer „Dynamit“. Zwar seien bei Beuys Werk und Person verschmolzen, er selbst sei ein „Energiezentrum“ gewesen. Die Finanzkrise aber habe auch Beuys’ ökonomische Überlegungen, seine Warnung vor dem zerstörerischen Eigenleben des Geldkreislaufs, bestätigt. Seine Kernfragen, etwa den Kapital- und Eigentumsbegriff „auszuhebeln“, seien weiter brisant. Sie äußerten sich etwa in der Forderung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Unverändert dringlich sei seine Vorstellung, für Wunden und Verletzungen Heilung zu finden: „Unserer Gesellschaft mangelt es an Empathiefähigkeit.“

Fremdes werde reflexhaft als bedrohlich empfunden. Beuys hingegen sei es auf Begegnung angekommen, auf das Einander-Wahrnehmen, eigene Positionen zu verlassen: „Das sind Wachstumsprozesse. Da ist Beuys grandios.“

Als außergewöhnliche Persönlichkeit („wie eine lebendige Skulptur“) beschrieb auch Beckmann den Künstler. Er hatte Beuys in Kassel kennengelernt und war dabei, als er nach jahrelangem Rechtsstreit den versiegelten legendären „Raum 3“ der Düsseldorfer Kunstakademie wieder öffnen durfte. Auch Beuys war in den Anfangsjahren der Grünen engagiert, für die Beckmann als Gründungsgeschäftsführer der Heinrich-Böll-Stiftung und 16 Jahre als Geschäftsführer der Bundestagsfraktion tätig war.

Beuys’ Grundidee, dass Menschen Kreativität freisetzen müssten, um sich für Veränderungen einzusetzen, zeige sich heute in vielen kleinteiligen Facetten alltäglicher Politik – von Volksbegehren bis zur Gründung von 1000 dezentralen Genossenschaften für erneuerbare Energie.

Politik und Gesellschaft

„Die Unterscheidung von Politik und Gesellschaft trägt nicht mehr“, sagte das Vorstandsmitglied der GLS-Treuhandbank. Die Politik allein könne den Herausforderungen nicht begegnen, öffentliche Hand und Bürger müssten gemeinsam Verantwortung wahrnehmen: „Feindbilder haben keine Gestaltungskraft.“

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