Bürgermeister Jürgen Kaiser: Ein Abschied in aller Stille

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Nimmt auf Drängen seiner Partei heute seinen Hut: Bürgermeister Jürgen Kaiser scheidet aus dem Amt.

Kassel. Als Kassels Bürgermeister Jürgen Kaiser im Jahr 2010 ein Jahr im Amt war, zog er selbst eine eher mäßige Bilanz: Er habe wenig vorzuweisen, was er in einem Jahr geleistet habe, sagte er damals. Die Früchte seiner Arbeit würden später sichtbar.

Die Prognose bestätigte sich – nur waren die Früchte faul. Dilettantisches Handeln bei der Neubesetzung der Spitze der Gesundheitsholding Nordhessen, Blitzerskandal, die peinliche Suche nach einem Trinkraum für Alkoholsüchtige waren einige dieser vermeintlichen Früchte. Sie schmeckten auch der SPD nicht – die Partei ließ Kaiser fallen. Heute räumt der 55-Jährige seinen Schreibtisch im Rathaus, bevor der zweifache Familienvater einen letzten Urlaub im Amt des Bürgermeisters antritt.

Es wird ein leiser Abschied. Ohne Reden, ohne Feierlichkeiten. Was der Diplom-Finanzwirt Jürgen Kaiser künftig beruflich macht, ist nicht bekannt. Die SPD, so heißt es, hat ihm keinen neuen Job besorgt.

Die kommunalpolitische Karriere von Jürgen Kaiser startete steil: Mit 27 Jahren Vorsitzender der SPD in Philippinenhof-Warteberg, mit 32 einer der jüngsten Stadtverordneten. Rasch wurde er der Finanz- und Haushaltsexperte der SPD-Fraktion im Stadtparlament. Doch dann lagen erste Stolpersteine im Weg. Kaiser eckte mit seiner oft belehrenden Art an. Im Jahr 2006 weigerte sich die CDU, ihn als Stadtverordnetenvorsteher mitzuwählen. Drei Jahre später folgte die Retourkutsche der SPD. Mit den Stimmen der Sozialdemokraten, Grünen und Linken wurden CDU-Bürgermeister Thomas-Erik Junge und CDU-Stadtbaurat Norbert Witte vor die Tür gesetzt. Jürgen Kaiser wurde von SPD und Grünen zum Bürgermeister gewählt.

Zwei Jahre herrschte Ruhe, ab 2011 wurde die Amtszeit Kaisers mit Pleiten, Pech und Pannen überschrieben. Lange hielt Oberbürgermeister Bertram Hilgen seine schützende Hand über Kaiser. Dass es damit dann vorbei war, wurde deutlich, als Hilgen die Besetzung des Chefsessels der Gesundheit Nordhessen Holding zur Chefsache erklärte: Kritiker meinten, Kaiser habe als Aufsichtsratsvorsitzender des Gesundheitskonzerns versagt und es nicht hinbekommen, Gerhard Sontheimer, der dem Konzern schwarze Zahlen bescherte, in Kassel zu halten.

Hinzu kamen unter anderem der bekannte Blitzerskandal, der Kaiser nachhaltig politisch beschädigte, und die vergebliche Suche nach einem geeigneten Trinkraum – Bürgermeister Kaiser war für die SPD in Hinblick auf die Kommunalwahl im Frühjahr 2016 zum Risiko geworden.

Bis zu dieser Wahl gibt es nun nur noch vier Dezernenten im Magistrat: Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD), Stadtbaurat Christof Nolda (Grüne), Schulstadträtin Anne Janz (Grüne) und Kämmerer Christian Geselle (SPD). Kaisers Aufgaben werden unter ihnen aufgeteilt.

Das Kasseler Kleeblatt dürfte die Grenze der Belastbarkeit erreicht haben.

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