In Kassel leben 280 unbegleitete Minderjährige

Jugendliche Flüchtlinge sprechen in Video über ihr Gefühlsleben

Ihr anrührendes Video hat bereits bundesweit Furore gemacht. Fünf unbegleitete jugendliche Flüchtlinge geben Einblicke in ihr Gefühlsleben, in ihre Hoffnungen, Wünsche und Träume.

Nach der Pressevorführung des kurzen Videofilms ist es mucksmäuschenstill im Raum, einige Anwesende müssen sichtlich schlucken. Es sind Sätze wie „Ich vermisse meine Familie und Freunde“, „Ich habe Heimweh“ und „Ich fühle mich hier einsam“, die berührende Einblicke in das Seelenleben von Jugendlichen geben, die ohne ihre Familie oftmals über Jahre und auf gefährlichen Wegen nach Deutschland geflüchtet sind.

Da ist zum Beispiel der 17-Jährige Idrissa, der eine sechs Jahre dauernde Flucht aus dem Senegal hinter sich hat und davon träumt, hier in Sicherheit leben und arbeiten zu dürfen. Oder Samrawit (18) aus Eritrea, die darauf hofft, in Deutschland zur Schule gehen zu können und später selbst anderen Flüchtlingen helfen möchte. Die jungen Leute berichten in kurzen Spots, dass es sehr schwer ist, Deutsch zu lernen, dass sie sich unsicher fühlen: „Ich denke manchmal haben die Leute Angst vor uns“, sagt die 18-jährige Muzit aus Eritrea. Und Eyerusalem (17) aus Äthiopien fügt an „Keine Angst vor Flüchtlingen – keine Angst vor mir“. Diese Botschaft ist ein Anliegen der Jugendlichen, die sich während der Sommerferien im Kinder- und Jugendzentrum Anne-Frank-Haus im Rahmen des Talentcamps 2015, ein von der Volkshochschule (VHS) Region Kassel unterstütztes Ferienbildungsprogramms, unter der Leitung des Medienpädagogen Emek Bozkurt zusammengefunden hatten.

Ihre Arbeit fand unter anderem beim internationalen Videoportal Youtube eine solch große Beachtung, dass es häufig bei Veranstaltungen gezeigt werde, erläutert VHS-Leiterin Katharina Seewald. Auch sei das Projekt Initialzündung dafür gewesen, dass der Talentcampus im Rahmen des Bundesprogramms „Kultur macht stark“ ausgeweitet werde und nun auch außerhalb der Ferien angeboten werden könnte. Insgesamt hatten in den Sommerferien 50 Jugendliche – darunter waren acht Flüchtlinge – an verschiedenen Projekten mitgearbeitet. „Dies ist ein ganz schönes Beispiel dafür, wie Willkommenskultur gestaltet werden kann“, freut sich auch Stadträtin Anne Janz über den Erfolg.

Die Jugendlichen beim Video-Dreh: Auf eingeblendeten Landkarten zeigen die jungen Leute auch ihre Fluchtrouten auf. Der 17-jährige Idrissa (rechts) war sechs Jahre unterwegs bevor er vor 16 Monaten nach Deutschland kam. In Kassel leben übrigens derzeit 280 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Foto:  privat/nh

Emek Bozkurt hat während des Projektes beobachtet, wie die anfangs schüchternen Jugendlichen mit gestärktem Selbstbewusstsein aus dem Projekt gegangen sind. Für einige hat sich das Leben nach der Veröffentlichung des Videos ganz konkret geändert: Samrawit hat doch noch einen ersehnten Schulplatz bekommen, obwohl sie mit 18 Jahren nicht mehr der Schulpflicht unterliegt. Und Idrissa, der in einem Hotel wohnt und bisher einer unsicheren Zukunft entgegensah, hat inzwischen ein Angebot für ein Zimmer bekommen. Höchstwahrscheinlich klappt es auch mit einem Ausbildungsplatz. Träume können eben doch wahr werden.

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