Interview mit DGB-Chef Rudolph und Grünen-Vorsitzenden Mijatovic

Vorerst letzte Demo gegen Kagida: „Kassel ist kein Ort für Nazis“

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Demonstrationsplatz der vergangenen Wochen: Zum vorerst letzten Mal soll am heutigen Montag auf dem Scheidemannplatz demonstriert werden. Dazu rufen DGB-Vorsitzender Michael Rudolph (links) und Boris Mijatovic, Vorsitzender der Kasseler Grünen, im Namen des Bündnisses gegen Rechts auf.

Kassel. Zum vorerst letzten Mal demonstriert das Bündnis gegen Rechts am heutigen Montag gegen die Versammlung der Gruppe „Kassel gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Kagida).

Die Kundgebung des Bündnisses begann um 18 Uhr auf dem Scheidemannplatz vor der Handwerkskammer. Eine halbe Stunde später demonstrierte Kagida vor der Kasseler Bank. Der Scheidemannplatz ist für den Verkehr gesperrt worden.

Über besondere Vorkommnisse bei den Demos berichten wir aktuell auf www.kassel-live.de

Über die Demonstrationen der vergangenen Wochen haben wir mit zwei Mitgliedern im Bündnis gegen Rechts gesprochen: Michael Rudolph, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Nordhessen, und Boris Mijatovic, Vorsitzender der Kasseler Grünen.

Herr Mijatovic, Herr Rudolph, warum geht das Bündnis gegen Rechts am Montag zum vorerst letzten Mal gegen Kagida auf die Straße?

Michael Rudolph: Seit der ersten Kagida-Demo wollten wir aufdecken, dass hinter diesem scheinbar harmlosen Spaziergang organisierte Rechtsextreme und Hooligans stehen. Kagida sollte nicht die Dimensionen wie Pegida in Dresden erreichen. Wir wollten deren Zusammenschluss mit der konservativen Bürgerschaft verhindern. Und das ist gelungen. Übrig geblieben sind nur Nazis und Wirrköpfe.

Boris Mijatovic: Kagida hat versucht, Kassel einen braunen Anstrich zu verpassen. Das hat das Bündnis verhindert. Wenn sie noch mal mit brauner Farbe um sich werfen, sind wir wieder da. Kassel ist kein Ort für Nazis.

Warum waren die Aktionen des Bündnisses gegen Rechts aus Ihrer Sicht erfolgreich? 

Rudolph: Das Bündnis hat einen breiten Diskurs in der Zivilgesellschaft angestoßen. Wir haben plötzlich Gruppen angesprochen, die sonst nichts mit dem Bündnis zu tun haben, aber jetzt bei den Demonstrationen waren.

Musste dafür die direkte Konfrontation auf dem Scheidemannplatz sein? Dadurch wurde jede Woche die halbe Stadt lahmgelegt. 

Mijatovic: Wenn man die Öffentlichkeit aufmerksam machen will, ist die direkte Auseinandersetzung wichtig. Man muss Präsenz zeigen - in Ruf- und Hörweite.

Stand nie zur Debatte, einmal das direkte Gespräch mit Kagida-Anhängern zu suchen? 

Rudolph: Eine Debatte mit dem rechtsextremen Kern und der AfD, die versucht hat, sich als Sprachrohr für Kagida zu inszenieren, wollten wir nicht. Aber wir wollten den Dialog mit den Mitläufern.

Mijatovic: Das hat auch geklappt. Vor allem die Arbeit der Kirchenvertreter wie Dechant Harald Fischer und Jochen Gerlach muss man hervorheben. Es gab den Austausch auf vielen Ebenen, aber nicht direkt mit den Nazis. Dafür gibt es keine gemeinsame Ebene.

Hat das Bündnis gegen Rechts die richtigen Formen des Protests gefunden?

Mijatovic: Man darf nicht vergessen: Das Bündnis ist ein loser Zusammenschluss ganz vieler sehr unterschiedlicher Gruppen. Es gibt keinen Vorstand oder sonst wie legitimierte Sprecher. Und die Situation wöchentlicher Aufmärsche war neu. Wir haben uns ständig gefragt, ob es funktioniert, was wir uns überlegt haben.

In einigen Städten mit Pegida-Kundgebungen haben sich Oberbürgermeister früh an Gegendemonstrationen beteiligt. In Kassel dauerte es. Bertram Hilgen wurde dazu sogar öffentlich aufgefordert. Wie bewerten Sie seine Rolle? 

Rudolph: Er war präsent, das war gut und wichtig. Aber viele im Bündnis gegen Rechts hätten sich über eine frühere Beteiligung von ihm gefreut.

Mijatovic: Genau das ist doch aber ein Trick von den Rechten. Die wollen, dass wir uns gegenseitig ausspielen. Das mache ich nicht mit. Ich möchte die wichtigen Leistungen von Oberbürgermeister Hilgen zum Beispiel für den Halit-Platz herausstellen. Außerdem ist es doch eher angenehm, dass die Parteien nicht so im Vordergrund standen. Für die vielen zivilgesellschaftlichen Gruppen hat das mehr Raum gelassen.

Vor einigen Wochen formierte sich eine zweite Demo gegen Kagida: Wie bewerten Sie den „Arbeitskreis Casseler Autonomer Berufsdemonstrant_innen“? 

Mijatovic: Das ist eine Gruppe Menschen, die sich lange und intensiv mit dem Thema Rechtsextremismus auseinandersetzt. Aber sie haben sich einen Namen mit der Abkürzung ACAB gegeben, die auch für „All Cops Are Bastards“ (Alle Polizisten sind Bastarde) steht. Das sollte eine witzige Provokation sein, die ich jetzt verstanden habe. Aber nach außen ist das schwierig zu vermitteln.

Rudolph: Mit Kagida um die Hoheit auf dem Scheidemannplatz zu streiten, war dennoch richtig.

Haben Sie einen Wunsch für die vorerst letzte Demo? 

Rudolph: Dass viele Menschen kommen und wir eine richtig große Veranstaltung haben. Da sollen sich alle noch einmal freuen, dass Kagida nicht zu dem geworden ist, was es sein wollte und Kassel seine Weltoffenheit zeigt.

Mijatovic: Ich finde auch, dass es ein Schlusspunkt als Feier sein sollte, dass sich die Nazis nicht in Kassel breitmachen konnten.

Demos in Kassel: Kagida und Gegner am Scheidemann-Platz

Von Claas Michaelis

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