Hessen zahlt am wenigsten

Kalte Duschen und Dreck: Polizeinachwuchs leidet unter schlechten Bedingungen

Kassel. „Wir genießen hier in Kassel eine gute Ausbildung“, sagt die Polizeianwärterin, die am Standort der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung in Niederzwehren im zweiten Jahr studiert. Aber:

Nichtsdestotrotz sei es für sie ein „Notnagel“ gewesen, sich für den hessischen Polizeidienst zu bewerben, sagt die junge Frau, die aus Nordrhein-Westfalen stammt. Dort habe sie keine Stelle bei der Polizei bekommen, weil offenbar dort die Nachfrage geeigneter Bewerber größer als in Hessen ist.

In Hessen stünden sich Polizeianwärter finanziell schlechter als im Nachbarbundesland, unter anderem wegen der freien Heilfürsorge, die es in NRW noch gibt. Zudem gebe es in Nordrhein-Westfalen günstige Unterbringungsmöglichkeiten für die Polizeianwärter.

Die Rahmenbedingungen seien dort einfach besser, sagt Marco Freisenhausen, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) der Kreisgruppe Kassel der Bereitschaftspolizei. Das Wohnheim bei der Bereitschaftspolizei in Niederzwehren ist zum Beispiel vor Jahren geschlossen worden, weil die Brandschutzbestimmungen nicht mehr erfüllt waren. Mittlerweile ist die Immobilie saniert und als Erstaufnahme für Flüchtlinge eröffnet worden.

Freisenhausen kritisiert auch den Zustand der Lehrsaalgebäude in Niederzwehren. „Hier sieht es noch aus wie 1980. Überall ist Dreck an den Wänden.“ In den Sporthallen funktionierten zum Beispiel die Duschen seit geraumer Zeit nicht richtig. „Da kann nach dem Sport nur kalt geduscht werden“, sagt Freisenhausen.

Da die Konkurrenz unter den Bundesländern bei dem Werben um Polizeinachwuchs immer größer werde, müsse Hessen endlich wieder auf Augenhöhe mit den anderen Bundesländern kommen, fordert auch Stefan Rüppel, Vorsitzender der GdP Nordhessen. Auch bei der Besoldung der Beamten. Da bilde Hessen das Schlusslicht, sowohl bei der Gehaltsstufe A 9 (letzter Platz) als auch bei A 13 (vorletzter Platz).

Bei der Polizeiakademie Hessen beurteilt man die Lage etwas anders: Die Zahl der Bewerbungen bewege sich seit 2009 stabil auf einem Niveau zwischen 5100 und 6200 pro Jahr. Die hessische Polizei sei bemüht, durch verschiedene Maßnahmen diese Zahl entgegen der demografischen Entwicklung zu erhöhen beziehungsweise stabil zu halten, sagt Sprecher Michael Rudolph. In den vergangenen Jahren seien durchgängig alle neu zu besetzenden Stellen mit geeigneten Bewerbern besetzt worden.

Nach dem derzeitigen Stand der Auswahlverfahren und den Hochrechnungen werde die hessische Polizei in diesem Jahr das Ziel erreichen, insgesamt 870 neue Anwärter einzustellen, sagt Rudolph.

Hintergrund: Anspruchsvolles Studium

Das dreijährige Studium bei der hessischen Polizei ist anspruchsvoll. Es kursiert die Faustformel, dass man um die 5000 Bewerber benötigt, um etwa 550 geeignete Anwärter pro Jahr auszusieben. Einstellungsvoraussetzungen für den gehobenen Polizeivollzugsdienst sind Abitur, Fachhochschulreife, eine Meisterprüfung oder ein entsprechender Bildungsabschluss.

Weitere Voraussetzungen: Polizeidiensttauglichkeit, Mindestgröße 1,60 Meter, Höchstalter 34 Jahre am Tag der Einstellung (ab dem 1. Oktober 2015: 32 Jahre), jederzeitiges Eintreten für die freiheitliche demokratische Grundordnung, gerichtlich nicht vorbestraft.

Das Eignungsauswahlverfahren für den gehobenen Polizeivollzugsdienst wird zentral bei der Polizeiakademie Hessen in Wiesbaden gemacht. Hier durchlaufen die Bewerber in anderthalb Tagen verschiedene Stationen. Es gibt einen Computertest, einen Sporttest, eine Gruppenaufgabe, ein Einzelinterview und zum Abschluss die polizeiärztliche Untersuchung.

Zukünftig will sich die hessische Polizei intensiver um Bewerber mit einem mittleren Bildungsabschluss bemühen, so Michael Rudolph, Sprecher der Polizeiakademie Hessen. Diese müssen aber vor Einstellung noch an einer Fachoberschule die Fachhochschulreife erwerben. Hierzu will die Polizei enger mit Fachoberschulen zusammenarbeiten sowie für diese besondere Zielgruppe Unterstützungsmaßnahmen anbieten, um den Zugang zum Polizeiberuf zu erleichtern. Damit soll auch der Anteil der Bewerber mit Migrationshintergrund erhöht werden.

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