Patientin kann wieder schmerzfrei laufen

Neue Kniescheibe aus Schulterknochen: Weltweit einzigartiges Verfahren aus Kassel

Das 3D-Modell: Anhand dieser Vorlage für die Kniescheibe wurde ein Knochenteil gewonnen. Foto:  Klinikum/nh

Kassel. Mit einem bisher offenbar weltweit einzigartigen Verfahren ist es einem Chirurgenteam am Klinikum Kassel gelungen, eine Kniescheibe komplett zu rekonstruieren - und das aus körpereigenem durchblutetem Knochenmaterial.

So erhielt eine 51-jährige Patientin aus der Wetterau nicht nur einen Kniegelenkersatz, sondern auch eine neue Kniescheibe, die aus einem Schulterknochen gewonnen wurde und nun ihrem Knie Halt und Kraft gibt.

Das Verfahren hatte Prof. Dr. Goetz Giessler, Direktor der Klinik für Plastisch-rekonstruktive, Ästhetische und Handchirurgie im Klinikum Kassel, mit seinem bayrischen Kollegen Prof. Dr. Christian Hendrich im Orthopädischen Krankenhaus Schloss Werneck entwickelt.

Die Patientin strahlt, und auch die Ärzte sind mit ihrem Werk zufrieden. Mit der Rekonstruktion einer kompletten Kniescheibe aus körpereigenem und durchblutetem Knochenmaterial hat ein Chirurgenteam am Klinikum Kassel medizinisches Neuland betreten. „Dieses Verfahren ist weltweit beispiellos und noch nirgends in der Fachliteratur beschrieben“, sagt Prof. Dr. Goetz Giessler, Direktor der Klinik für Plastisch-rekonstruktive, Ästhetische und Handchirurgie. In Zusammenarbeit mit seinem bayrischen Kollegen Prof. Dr. Christian Hendrich vom Orthopädischen Krankenhaus Schloss Werneck gelang es, einer 51-jährigen Patientin aus der Wetterau ein komplett neues Kniegelenk einzusetzen.

Operation gelungen: Elke B. kann wieder schmerzfrei laufen, hier mit Prof. Dr. Giessler (rechts) und dem Leitenden Oberarzt PD Dr. Holger Engel.

Elke B. hatte bereits zahlreiche Knieoperationen hinter sich und seit 16 Jahren keine Kniescheibe (Patella) mehr. „Damit kam ich viele Jahre gut zurecht, bis wieder ein Dauerschmerz im linken Knie einsetzte. Wegen der Schmerzen und der fehlenden Kniescheibe war ich unsicher beim Laufen, habe mich vieles nicht mehr getraut.“ Sie wandte sich an Hendrich, der sich mit seinem befreundeten Kollegen Prof. Giessler in Verbindung setzte. Gemeinsam entwickelten die Chirurgen ein einzigartiges Verfahren, um Elke B. zu einem neuen Knie zu verhelfen.

Der totale Gelenkersatz des Kniegelenkes sei heute ein standardisiertes Verfahren. Probleme gebe es allerdings bei Patienten, die durch einen Unfall oder eine Infektion ihre Kniescheibe komplett verloren haben, erläutert Giessler: „Sie leiden oft unter einem erheblichen Kraft- und Führungsverlust in dem Bein.“

Bisher konnten nur diejenigen Patienten einen Patella-Ersatz erhalten, bei denen zumindest noch ein Teil der Kniescheibe erhalten war, erläutert der Mediziner: „Mit unserer Methode lässt sich auch ausgewählten Patienten, bei denen die Patella ganz fehlt, eine Kniescheiben-Prothese einsetzen, um ihnen optimale Bewegungs- und Kraftergebnisse zu ermöglichen.“

Zur Rekonstruktion der Kniescheibe berechnete Giessler die Form der benötigten Patella und fertigte mit Hilfe eines 3D-Druckers ein Kunststoffmodell an. Anhand dessen ermittelte er, aus welchem Knochen sich am besten das Material für die Ersatz-Kniescheibe gewinnen ließ, und entschied sich für die Schulterblattspitze. Dort setzte Prof. Giessler bei einer ersten Operation einen Gelenkflächensockel aus Titan ein, der in den Knochen einheilte.

Anschließend erhielt die Patientin in Werneck ihre Kniegelenksprothese. In der dritten und aufwendigsten Operation im Klinikum Kassel wurde der Gelenkflächensockel mit dem angewachsenen Knochenmaterial von der Schulter ins Knie transplantiert - einschließlich des Gefäßstiels, der an die Oberschenkelgefäße angeschlossen wurde und so die Durchblutung der „neuen Kniescheibe“ ermöglicht.

Nach der dritten Operation war die Patientin zunächst auf den Rollstuhl angewiesen, weil sie die - nunmehr wieder geheilte - Schulter nicht belasten durfte und daher keine Gehstützen nutzen konnte. Inzwischen hat sie in der Reha auch Treppensteigen und Radfahren trainiert, kann ihr Knie wieder voll belasten und hat keine Schmerzen mehr. „Die drei Operationen waren natürlich eine Belastung. Aber die Steigerung an Lebensqualität war es wert. Ich habe die Entscheidung für die Eingriffe keine Sekunde bereut.“

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