Sie kam als politische Gefangene ins Konzentrationslager

In Kassel lebende Italienerin Albina Moimas hat Auschwitz überlebt

Albina Moimas (Mitte) mit ihrer Tochter Luciana Mimin und dem Schwiegersohn Pietro Vincente Montirosso im Eiswagen der Familie. 2 Foto: privat/nh

Kassel. Die in Kassel lebende Italienerin Albina Moimas kam als politische Gefangene ins Konzentrationslager Auschwitz. Sie überlebte die Hölle. Demnächst feiert sie in der Kasseler Nordstadt ihren 95. Geburtstag.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich am Ende meines Lebens einmal in Deutschland leben werde“, sagt Albina Moimas. Sie sagt das zum Abschluss eines langen, vielschichtigen Gesprächs. Immer wieder lächelt sie dabei ihr Gegenüber an. Um in der Nähe ihrer Tochter Luciana zu sein, ist die 94-jährige Frau erst vor fünf Jahren vom italienischen Treviso bei Venedig nach Kassel gezogen. Und das, obwohl sie mit Deutschland die dunkelste Zeit ihres Lebens verbindet: Albina Moimas hat Auschwitz überlebt.

Die zutiefst beeindruckende, vitale und geistreiche Frau feiert in wenigen Tagen ihren 95. Geburtstag. Bei allerbester Gesundheit, wie sie sagt. Medikamente zu nehmen sei ihr unbekannt. Nur ein einziges mal in ihrem Leben musste die Italienerin mit einer lebensgefährlichen Blutvergiftung operiert werden. Das war in Auschwitz.

Sie war 22 Jahre alt, unterernährt und sie hatte Monate schwerster Feldarbeit hinter sich. Sie überlebte, weil sie ein deutscher KZ-Arzt behandelte. „Das ist Zynismus, nicht wahr?“, sagt Albina Moimas. Wäre ich nicht so jung, stark und noch nützlich gewesen, hätte man mich getötet“, fügt sie hinzu So aber war sie eine auszubeutende Arbeitskraft, deren Leben es zu erhalten galt. Mehr als einmal war Albina im KZ nur knapp dem Tod entronnen.

Albina Moimas empfängt uns in ihrer hellen, sonnigen Wohnung in der Kasseler Nordstadt. Dorthin ist sie vor fünf Jahren gezogen, um in der Nähe ihrer Tochter Luciana Minin (62) und deren Ehemann Pietro Vincento Montirosso zu sein. Sie betreiben in Kassel eine Eisdiele und einen Eiswagen.

„Ich habe keinen Hass auf Deutsche“, sagt Albina Moimas: „Die jungen Leute haben mit den Greueltaten der Faschisten ja nichts zu tun.“ Vor ihr auf dem Tisch liegt ein Abzeichen, das ihr viel bedeutet: eine kleine Anstecknadel in Form eines roten Dreiecks mit einem I in der Mitte. Sie steckt in einem Stückchen gestreiften Stoff, aus dem die KZ-Kleidung gemacht war. Es ist das „Triangolo Rosso“, der rote Winkel, der Albina als politischen KZ-Häftling aus Italien ausweist. Das Abzeichen aus Stoff war auf die Lagerkleidung genäht.

Ein anderes - schmerzhaftes und bleibendes - Mal, das sie für immer mit Auschwitz verbindet, wurde ihr auf den linken Unterarm tätowiert. Es ist ihre Lagernummer 82139.

Albina Moimas Lebensgeschichte ist von italienischen Journalisten in Reportagen und Büchern festgehalten worden. Als Zeitzeugin redet sie gerne mit jungen Menschen. Sie ist eine unaufgeregte, kluge Gesprächspartnerin. Aber jetzt - sie macht eine entschuldigende Geste -möchte sie das Gespräch beenden. „Ich muss in die Küche und kochen. Es gibt Pilzrisotto.“

Neffe war Partisan – Sippenhaft für die Familie

Am Morgen des 1. Juni 1944 nehmen Schergen des italienischen „Führers des Faschismus“, Benito Mussolini, die 22-jährige Albina Moimas und ihre zwölf Jahre ältere Schwester Sorella in ihrem Heimatort Monfalcone bei Triest fest. Ohne Anklage werden die Frauen ins Gefängnis gesteckt. Einziger Grund: Moimas Neffe Renato ist bei den Partisanen und kämpft im Untergrund gegen den Faschismus in Europa. Albina und weitere Mitglieder der kommunistischen Bauersfamilie hatten den jungen Untergrundkämpfer in den Bergen mit Lebensmitteln versorgt.

Nach einem Monat in einem Gefängnis in Triest werden Albina und Sorella mit anderen Inhaftierten in Viehwaggons verfrachtet. „Wir wussten nicht, was mit uns geschieht“, sagt Albina. Einer der Carabinieri auf dem Zug klärt sie auf: „Ihr kommt nach Auschwitz-Birkenau.“ Die Männer werden ins KZ Mauthausen gebracht. Albina Moimas erinnert sich: „Als wir nach vier Tagen ankamen, sahen wir voller Entsetzen die halb verhungerten Menschen mit kahl geschorenen Köpfen. Sie schienen nur aus Augen zu bestehen.“ Auch die Italienerinnen erwartete in Auschwitz-Birkenau das komplette Programm des Grauens der deutschen KZ-Maschinerie: Wir mussten uns ausziehen. Unsere Kleidung“, so erinnert sich Albina, „wurde ordentlich zusammengefaltet.“ Es folgt die sogenannte Desinfektion mit beißenden Chemikalien. „Es waren die gleichen gekachelten Räume, in denen Juden vergast wurden“, stellt Albina später fest.

Unbekleidet müssen die Frauen anstehen, um registriert und tätowiert zu werden. Ihnen werden die Haare abrasiert. Einzeln müssen sie vortreten, um Lagerkleidung und Schuhe in Empfang zu nehmen. Niemand bekam die passende Größe. „Das alles war bereits schlimm und brutal“, übersetzt Luciana Minin die Worte ihrer Mutter. Es gab kein Trink- oder Essgeschirr. „Wir litten großen Hunger.“

Bevor die Italienerinnen, bewacht von polnischen Mithäftlingen, Feldarbeit leisten müssen, befinden sie sich einen Monat lang in Quarantäne. Trotzdem müssen sie jeden Morgen zum Appell antreten und eine Stunde lang auf dem Barackenhof stehen. „Wer seine Notdurft verrichten musste, war gezwungen dies in einer Schubkarre zu tun“, erzählt Albina Moimas.

Der Sadismus, den sich die Nazis für ihre Konzentrationslager ausgedachte haben, hat zynische Methode. „Jeden Morgen, wenn wir auf die Felder zogen, spielte für uns ein Orchester klassische Musik: abgemagerte jüdische Musiker in Livrée.

Mit ihrem festen Willen zu überleben und der ihr eigenen positiven Seelenkraft übersteht Albina die Monate bis zur Befreiung von Auschwitz.

Bis zur letzten Minute lauert tödliche Tücke. „Eines Morgens im Januar 1945 wachten wir auf und stellten fest: Die Lagertür steht auf“, erzählt Albina Moimas. „Meine Freundin Maria lief sofort raus, mich hielt eine innere Stimme zurück.“ Es ist ein Hinterhalt. Wärter schießen auf die fliehenden Menschen. Sie erschießen auch Maria.

In der Nacht dann verlässt auch Albina die Hölle Auschwitz. Auf einer mühsamen und gefährlichen Reise läuft sie mit anderen zu Fuß zurück in die Heimat. Ihre Schwester, die das Lager überlebt hatte, kommt auf dem Weg nach Italien ums Leben.

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