Geschlossener Tunnel am Rathaus wird jetzt zugeschüttet

Kassel macht fast alle Unterführungen dicht

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Rückblick: So sah es in der Unterführung am Rathaus aus. Das eindrucksvolle Foto entstand im Jahr 1968 und zeigt, wie beschwerlich der Weg über die Treppen sein konnte. Der Tunnel ist schon länger zu und wird gerade mit Beton verfüllt.

Kassel. Früher galten sie als Symbol für eine moderne Verkehrspolitik, heute wird in Kassel eine Unterführung nach der anderen zugeschüttet.

Jüngstes Beispiel ist die Rathauskreuzung, wo die Großbaustelle für die neuen Straßenbahngleise dafür genutzt wird, den ehemaligen unterirdischen Fußweg mit Beton aufzufüllen.

Die Zeiten, in denen Fußgänger unter die Erde geschickt wurden, damit oben die Autos ungestört fahren können, sind vorbei. Eine größere Diskussion darüber gab es zuletzt beim Umbau der Altmarkt-Kreuzung. Die Befürchtung, dass es durch die neuen Überwege zu längeren Staus kommen würde, hat sich nicht bewahrheitet. Das ist auch ein Verdienst der modernen Ampelschaltung, die auf unterschiedlich starken Verkehr reagieren kann.

Nach Einschätzung der Polizei sind gut einsehbare Kreuzungen besser zu kontrollieren als Unterführungen. Die seien unter anderem als Rückzugsorte für Drogengeschäfte genutzt worden. Problematisch waren neben dem Altmarkt die Unterführungen an Hauptbahnhof und Scheidemannplatz.

Ganz aus dem Stadtbild werden Unterführungen in absehbarer Zeit allerdings noch nicht verschwinden. Für die Verbindung unter der Trompete - zwischen Rathaus, Gerichten und der Neuen Galerie - gebe es bislang keine Pläne für eine Veränderung, sagt Volker Wünsche vom Straßenverkehrs- und Tiefbauamt der Stadt.

Das gilt auch für den Holländischen Platz, wo täglich unter anderem Tausende von Studenten unterwegs sind. Die können zwischen der Unterführung und dem Überweg wählen.

Die nächste größere Unterführung, die auf der Streichliste steht, befindet sich unter dem Platz der Deutschen Einheit (Großer Kreisel). Wenn der wie geplant umgebaut wird, verschwinden auch hier die Tunnel.

Die Tunnel galten als modern

Die Altmarktkreuzung wurde vor 60 Jahren als Meilenstein moderner Verkehrspolitik gefeiert. Damit war in erster Linie gemeint, dass Autos Vorfahrt hatten und Fußgänger nicht stören sollten. Kein Wunder also, dass Kassels erste große Unterführung 1956 am Altmarkt eröffnet wurde. Kassels Oberbürgermeister Lauritz Lauritzen sprach damals von einer glücklichen Lösung für die Fußgänger, für die man weder Kosten noch Mühe gescheut habe. Was damals als fortschrittlich galt, wurde im Lauf der Jahre immer unansehnlicher. Unterführungen entwickelten sich zu schmuddeligen Tunneln, in denen viele unwillkürlich ein Gefühl der Bedrohung empfanden.

Ehemals 18 Tunnel 

Heute sind von ehemals 18 Unterführungen im Kasseler Stadtgebiet die meisten geschlossen. Dazu gehören die Tunnel am Scheidemannplatz, am Kulturbahnhof, am Rathaus, am Hallenbad Ost, am Steinweg in Höhe der Friedrichsplatzrandstraße sowie am Steinweg in Höhe des Staatstheaters, an der Holländischen Straße in Höhe der Hegelsbergstraße (Nordstadt) und an der Weserstraße in Höhe der Ysenburgstraße.

Altmarkt umgebaut 

Knapp sechs Jahrzehnte nach der Eröffnung wurde am Altmarkt mit dem Umbau eine der größten Unterführungen

zugeschüttet. Die letzte Erinnerung an die frühere Nutzung sind die zig Kilkometer von Kabeln und leeren Rohren, die vor dem Verfüllen mit Beton verlegt wurden. Sollten zwischen dem Steinweg und der Weserstraße sowie der Kurt-Schumacher-Straße und der Unterneustadt demnächst zum Beispiel neue Telefonkabel verlegt werden, dann gibt es dafür schon Verbindungen.

Notausgang 

Eine der größten Baustellen der Stadt ist derzeit die Rathauskreuzung. Hier verlegt die Kasseler Verkehrsgesellschaft (KVG) bis zum Ende der Sommerferien neue Gleise. Gleichzeitig wird der schon länger nicht mehr genutzte Fußgängertunnel mit Beton aufgefüllt. Allerdings bleiben einige Meter Richtung Wilhelmshöher Allee sowie der Aufgang dorthin frei. Der dient bis zum geplanten Umbau des Victoria-Hochhauses weiterhin als Notausgang.

Sockumenta 

Viele der Unterführungen fristeten über viele Jahre ein Schattendasein. Auf der Verbindung vom Hauptbahnhof bis zur Treppenstraße gab es zumindest teilweise etwas Belebung. Hier zogen mehrere Läden ein, die unter anderem Obst, Zeitungen und Souvenirs verkauften. 

Historische Fotos: Fußgängertunnel in Kassel

Und auch Socken, die 1996 für Schlagzeilen im Vorfeld der documenta sorgten. Dafür hatte die Leiterin der dX, Catherine David, gesorgt. Die Pariserin fand es wenig amüsant, was sie in den Unterführungen zu sehen bekam. Mit ihren abfälligen Bemerkungen über Kassel und die in Vitrinen ausgestellten Socken schob sie ungewollt die „sockumenta“ an, eine Parodie auf den großen Kunstbetrieb.

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