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Kassel ist im Pokémon-Wahn: Spiel erobert die Handys

Neues Trendspiel in Kassel: Hunderte von Jugendlichen treffen sich derzeit vor der Pfarrei Sankt Elisabeth in Kassel und spielen das Trendspiel „Pokémon Go“. Die dortigen vier Lockmodule sind ständig aktiv und locken jede Menge Pokémons an. Foto: Geier

Kassel. Schon beim Start des Spiels „Pokémon Go“ wird jeder von der Warnmeldung begrüßt: „Bleibe wachsam. Behalte immer deine Umgebung im Auge.“ Keine grundlose Warnmeldung.

Denn das Spiel, bei dem man Anime-Fantasiefiguren aus den 1990er-Jahren jagt und sie einsammeln muss, verleitet dazu, auf den Handybildschirm starrend durch die Straßen zu gehen.

Es ist das Spiel der Sommerferien und hat schon Tausende Kasseler in seinen Bann gezogen. Ein Plus: Das Spiel lässt sich nicht gemütlich auf dem Sofa spielen. Um neue Pokémons zu finden und Pokébälle zu sammeln, muss man unterwegs sein.

Die App nutzt das aktivierte GPS des Handys, um die reale Welt mit der virtuellen zu verbinden. Während man also durch die Straßen geht, bleibt man immer wieder an Kirchen, Museen oder Brunnen stehen, um Pokémons zu finden. In der Kasseler Innenstadt wird man von dem Spiel von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit geführt. Mit einem Reiseführer kann es aber nicht mithalten, da weitere Informationen fehlen.

Plötzlich vibriert das Handy, ein Pokémon ist in der Nähe. Den Blick starr aufs Handy gerichtet, verfolgt man das Wesen, rennt dabei ein paar Fußgänger um - weil man sich komplett auf das Spiel konzentriert.

Sven Klebe sitzt mit 30 anderen Jugendlichen auf den Stufen der Kirche Sankt Elisabeth. Seine Freundin hat ihm das Spiel vor knapp 38 Stunden empfohlen und mittlerweile ist er süchtig, wie der 17-Jährige selbst sagt. Genau an dieser Stelle ist immer viel los, denn dort sind immer vier Lockmodule aktiviert und jede Menge Pokémons werden angelockt. Bei der Jagd schaltet sich die Kamera des Handys ein und setzt das Pokémon in das Kamerabild der realen Welt. Mit gekonntem Fingerwisch einen Pokéball werfen und das Monster so einfangen.

Immer wieder trifft man auf andere Spieler, die mit ihrem Handy vor der Nase Pokémons jagen.

Auch der Frühstückspavillon bei der Neuen Galerie nimmt in der virtuellen Welt des Spieles eine Funktion ein: In einer Arena können Trainer ihre Pokémons gegeneinander kämpfen lassen. Das ist aber leider erst ab dem fünften Level möglich.

Ein klarer Vorteil des Spiels ist die Anregung zur Bewegung. Die App zählt die Kilometer, die man bei der Pokémonjagd zurücklegt. Je öfter man das Spiel bei jedem Gang im Alltag spielt, umso schneller kann man von Level zu Level aufsteigen. Für die Studenten Sina Twardin und Camillo Daß ist es das Spiel des Sommers. „Die Pokémons kennen wir noch aus unserer Jugend“, erklärt die 26-Jährige.

Die ersten Kasseler wurden am Wochenende von hupenden Autos aus der Konzentration gerissen. Selbst auf dem Fahrradsattel wird gespielt.

Das sagt....

die Polizei:

„Seit der Veröffentlichung der App stellen wir schon einige Auffälligkeiten im Stadtbild fest“, sagt Polizei-Pressesprecher Torsten Werner. Vor der Elisabethkirche hätten sich am Freitag und Samstag gerade in den Abendstunden mehrere hundert Menschen versammelt, um auf Pokémon-Jagd zu gehen. Die Stelle sei reizvoll, da es dort mehrere sogenannte Pokéstops gibt. Ähnlich sei es in Uni-Nähe. Auch im Vellmarer Ahnepark würden sich viele Spieler sammeln. Unfälle durch die Pokémon-App sind, laut Werner, im Stadtgebiet noch keine bekannt. „Wir appellieren an die Spieler ihren Blick nicht nur auf das Smartphone, sondern auch auf die Umgebung zu richten.“ Wer mit dem Handy am Steuer eines Autos erwischt wird, zahlt eine Strafe von 60 Euro und bekommt einen Punkt in der Verkehrssünderkartei. Handynutzung auf dem Fahrrad kostet 25 Euro Strafe.

die Elisabethkirche: 

„Wir sind von dem Ansturm der Pokémon-Spieler regelrecht überrascht worden“, sagt die Pfarrsekretärin der Elisabeth-Gemeinde Sandra Wanisch. Unser Küster musste am Samstagmorgen einige Hinterlassenschaften beseitigen. Zwei Obdachlose, die vor der Kirche übernachtet haben, hätten berichtet, dass die letzten Spieler den Platz gegen 4.30 Uhr verlassen hätten. „Wir hoffen, dass sich die Begeisterung bald ein bisschen legt. Bis dahin müssen wir da durch“, meint Wanisch.

Das sagen die Stadtreiniger:

„Die Reinigungsteams der Stadtreiniger sind in der Innenstadt täglich im Einsatz“, sagt Pressesprecherin Birgit Knebel. Am vergangenen Samstag sei durch den City-Lauf ein größerer Einsatz geplant gewesen. An der Elisabethkirche habe es besonders viel Abfall gegeben. Insbesondere hätten Flaschen und Becher eingesammelt werden müssen. Die Stadtreiniger bitten daher darum, die vorgesehenen Papierkörbe zu nutzen oder den Abfall wieder mit nach Hause zu nehmen. 

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