Fahrt durch die Finsternis

Kasseler erinnert sich an seinen Dienst als Straßenbahnschaffner in den Kriegsjahren

Mit Uniform, Schaffnertasche und Münzgerät: Winfried Jacob.

Kassel. Vor 50 Jahren stellte die Herkulesbahn den Betrieb ein. Ein HNA-Leser, der in den Kriegsjahren als 16-jähriger Triebwagenschaffner war, erinnert sich.

Er musste die Verantwortung für eine Bahn tragen. Es war 1942 und die Fahrer und Schaffner der Kasseler Straßenbahnen kämpften an der Front. Winfried Jacob und weitere Mitglieder der Hitlerjugend und des Bundes deutscher Mädel wurden verpflichtet, deren Arbeitsplätze zu übernehmen. Nach Ende der letzten Schulstunde stiegen sie in die Bahnen.

Als 16-jähriger Triebwagenschaffner musste Jacob viel Verantwortung tragen. Denn der Triebwagenschaffner war der Chef an Bord. „Nicht der Fahrer war verantwortlich für Bahn und Fahrgäste, sondern ich“, erzählt der Kasseler, der am Samstag 90 Jahre alt wird.

In den Kriegsjahren in Kassel Straßenbahn zu fahren war ein abenteuerliches Unterfangen. Wegen der drohenden Bombenangriffe wurden abends die Wagen verdunkelt. „Die Fenster und Lampen wurden zugehängt, und der Fahrer konnte nur durch einen schmalen Schlitz auf die Straße schauen“, sagt Jacob. Auch die Laternen an der Straße seien abgeschaltet gewesen.

So mussten sich nicht nur Fußgänger hüten, von einer Bahn erfasst zu werden, auch der Schaffner hatte seine Not: „Wir mussten die Haltestellen noch ausrufen. Da ist es schon mal passiert, dass ich wegen der Dunkelheit die falsche Station angekündigt habe und die Fahrgäste zu früh ausgestiegen sind“, erinnert sich der Rentner. Ein gutes Jahr war er für die Herkulesbahn, aber auch auf den Linien 1, 5 und 6 der „Großen Kasseler Straßenbahn“ im Einsatz.

Wird am Samstag 90 Jahre: Winfried Jacob heute.

Für den Schüler des Wilhelmsgymnasiums war es eine aufregende Zeit. „Die Bahnen ruckelten so sehr in den Kurven der Altstadt, dass man als Schaffner von einem Schoß zum anderen flog.“ Die Fahrgäste seien von den jungen Schaffnern und Schaffnerinnen angetan gewesen. „Die waren froh, dass die alten Knochen nicht an Bord waren. Für die war es Berufsalltag, für uns Schüler eine willkommene Abwechslung.“

Schwarzfahrer oder pöbelnde Fahrgäste habe er in seiner Dienstzeit nie erlebt. „Alle Menschen waren der gleichen Gefahr ausgesetzt, hatten die gleichen Ängste. Das sorgte für eine lockere Stimmung.“

Jacob erinnert sich noch an den Fahrer, mit dem er regelmäßig Dienst tat: Es war ein Holländer namens Hendrikus de Witt, der Zwangsarbeit in Kassel leisten musste. „Ein netter Kerl, für den Kassel später zur Heimat wurde.“

Bei allem Abenteuer sei die Aufgabe aber auch anstrengend gewesen: Von 8 bis 13 Uhr drückte Jacob die Schulbank und von 15 bis 20 Uhr war er als Schaffner unterwegs. In der Spätschicht sogar bis 23 Uhr.

Die Schulbildung litt darunter. Das Kriegsabitur, das Jacob 1943 ablegte, wurde später nicht anerkannt. Er musste es nach dem Krieg noch mal ablegen. Zunächst aber wurde er 1943 als Flakhelfer in Waldau eingesetzt. Zu Kriegsende kam er an die Ostfront, wo er in russische Gefangenschaft geriet. Wegen einer Krankheit wurde er bereits Ende 1945 wieder freigelassen.

Heute lebt der Professor der Kunst mit seiner Frau am Jungfernkopf.

Lexikonwissen: Die Herkulesbahn im Regiowiki.

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- Vor 50 Jahren: Kasseler war beim Abschied der Herkulesbahn dabei

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