Fotos vermutlich über langen Zeitraum

Spanner mit Doktortitel: Kasseler Facharzt machte intime Klo-Aufnahmen

Kassel. Beim Herunterfahren des Computers ihres Chefs machte die Mitarbeiterin einer Kasseler Arztpraxis eine erschreckende Entdeckung: Auf der Bildschirmoberfläche sah sie ein Foto, das die Personal-Umkleide der Arztpraxis zeigte.

Auf einem USB-Stick, den sie am Rechner fand, sollte sie weiteres Bildmaterial entdecken, das nicht nur Mitarbeiterinnen in der Umkleidekabine zeigte, sondern auch intime Aufnahmen aus der Personaltoilette. So weit die Schilderungen, die die HNA aus verlässlichen Quellen hat.

Was sich bereits im Frühjahr 2015 ereignete, ist inzwischen juristisch weitestgehend aufgearbeitet. Der USB-Stick, den die Mitarbeiterin seinerzeit an sich genommen hatte, wurde von der Polizei ausgewertet. Er entpuppte sich nicht als bloßes Speichermedium, sondern dieser hatte auch eine integrierte Minikamera, die Fotos und Videos aufzeichnen kann.

Weil sich der Facharzt für Innere Medizin beim Verstecken der Kamera in der Toilettenkabine und der Umkleide selbst filmte – solche Geräte zum Spionieren werden in der Regel durch einen Bewegungsmelder in Gang gesetzt –, konnte er einfach überführt werden. Auf dem Speicher sollen Aufnahmen aus drei Monaten sichergestellt worden sein. Vermutlich sind die rund ein Dutzend Kolleginnen der Praxis aber über einen noch längeren Zeitraum in intimen Situationen gefilmt und fotografiert worden. Da der Speicherplatz begrenzt ist, reichte er nur drei Monate zurück.

Die Personaltoiletten wurden hauptsächlich durch die Mitarbeiterinnen benutzt. Allerdings kam es auch vor, dass Patienten das Klo aufsuchten, wenn das Patienten-WC besetzt war. Auch sollen Kinder der Praxis-Mitarbeiterinnen die Toilette gelegentlich benutzt haben.

Als der Arzt überführt wurde, soll er die Angelegenheit heruntergespielt haben. So soll er etwa behauptet haben, die Kamera habe er zum Diebstahlschutz platziert. Dabei handelt es sich bei dem sichergestellten Material um Detailaufnahmen aus dem unmittelbaren Toilettenbereich. Wegen der Vorfälle sollen Mitarbeiterinnen bereits gekündigt haben. Weitere hatten sich in psychotherapeutische Behandlung begeben.

Die Kasseler Polizei bestätigt entsprechende Ermittlungen gegen den Arzt. Die Ergebnisse seien an die Kasseler Staatsanwaltschaft weitergeleitet worden. Von dort gibt es aber keine Aussagen zu dem Fall – nicht einmal, dass dieser überhaupt bearbeitet wurde.

„In solchen Fällen überwiegt das Persönlichkeitsrecht der betroffenen Person“, sagt Götz Wied, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Die „Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen“ – so lautet der Straftatbestand – sei juristisch gesehen ein niederschwelliges Delikt, das nur auf Antrag verfolgt werde.

Der Arzt ist nach HNA-Informationen auch bei der Landesärztekammer angezeigt worden. Diese kann berufsrechtliche Konsequenzen ziehen.

Das sagt der betroffene Arzt: Anwalt räumt Tat ein

Der betroffene Facharzt will auf HNA-Anfrage selbst keine Erklärung zu seinem Verhalten abgeben. Er räumt durch seinen Kasseler Anwalt die Tat aber ein. Hier die Erklärung des Anwalts: „Von den Vorgängen waren ausschließlich Mitarbeiter und keine Patienten betroffen. Unser Mandant hat infolge der Vorgänge eine psychologische Behandlung wahrgenommen. Ausweislich eines mir vorliegenden Attests sieht der behandelnde Psychologe keine Wiederholungsgefahr.“ 

Hintergrund: Warum der Arzt anonymisiert ist

Die Redaktion hat sich bewusst entschieden, den Namen des betroffenen Arztes nicht zu nennen. Dies liegt vor allem daran, dass mehrere andere Personen als Opfer in der Angelegenheit betroffen sind. Bei einer Namensnennung wären auch diese Opfer identifizierbar. Zudem wollen wir auch die Familie des Arztes schützen. Die Bezeichnung „Internist aus Kassel“ ist so weit gefasst, dass Rückschlüsse nicht möglich sind.

Das sagt die Ärztekammer: Generell sind Sanktionen möglich

Die Landesärztekammer, wo der Kasseler Fall angezeigt wurde, nimmt aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes keine Stellung zum konkreten Fall. Ganz allgemein teilt eine Sprecherin mit: „Sollten Verstöße gegen das Berufsrecht von Kammermitgliedern festgestellt werden, werden die gebotenen berufsrechtlichen Maßnahmen nach dem Hessischen Heilberufsgesetz ergriffen. Gemäß § 50 Abs. 1 Hessisches Heilberufsgesetz kann im berufsgerichtlichen Verfahren erkannt werden auf Warnung, Verweis, zeitweilige Entziehung des Wahlrechts, Geldbuße bis zu fünfzigtausend Euro oder Feststellung, dass ein Berufsangehöriger im Sinne des § 2 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 bis 5 unwürdig ist, den Beruf auszuüben. Da berufsrechtliche Verfahren nicht öffentlich sind, sind uns darüber hinaus keine weiteren Aussagen zu einem konkreten Fall möglich.“ Die Landesärztekammer übt die Berufsaufsicht über die in Hessen tätigen Ärzte aus. Sie wird bei Anzeigen erst aktiv, wenn die Staatsanwaltschaft ihre Arbeit erledigt hat.

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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