Marien- und Rot-Kreuz-Krankenhaus gehen eigene Wege gegen Bakterien

Kliniken kämpfen gegen multiresistente Keime

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Schwieriger Kampf gegen Superkeime: Eine Labormitarbeiterin hält eine Indikatorkulturplatte zum Nachweis von resistenten Bakterien in der Hand.

Kassel. In Deutschland gibt es immer mehr multiresistente Bakterien. Wie Kasseler Krankenhäuser mit diesem bedrohlichen Problem umgehen, zeigen diese Beispiele.

Das Marienkrankenhaus hat sich entschieden, im Kampf gegen multiresistente Keime (MRE) dem Beispiel der Niederlande zu folgen: Seit fast einem Jahr wird ausnahmslos jeder Patient per Nasen- und Rachenabstrich auf kritische Keime untersucht. Mit diesem flächendeckenden Screening ist das Krankenhaus auf dem Rothenberg Vorreiter in Hessen.

Denn damit tut die Klinik weit mehr als es die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts nahelegen. Dieses empfiehlt einen Test auf MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) für Risikogruppen. Dazu zählen Dialysepatienten, Patienten, die zuvor in einem Krankenhaus behandelt wurden oder die chronisch pflegebedürftig sind, sowie Patienten mit dauerhaft liegenden Kathetern oder chronischen Wunden.

Seit 2008 habe man Risikopatienten, deren Anteil rund 60 Prozent betrage, bereits konsequent auf MRSA untersucht, erläutert Hygienefachkraft Ruth Dallig. Doch auch unter den Nicht-Risikopatienten habe man mithilfe der nun flächendeckenden Tests bereits acht Personen mit MRSA herausgefischt, „die uns sonst durch die Lappen gegangen wären“.

Käme es zu einer Wundinfektion, Lungenentzündung oder anderen Infektionserkrankungen durch diese Keime, könnten die Folgen dramatisch sein. Denn oft lassen sich diese Bakterien mit den zur Verfügung stehenden Antibiotika nicht mehr wirksam bekämpfen.

„Wir müssen die Patienten schützen“, bringt es Geschäftsführer Michael Schmidt auf den Punkt. Um eine Ausbreitung der Keime im Krankenhaus zu vermeiden, würden Patienten, die mit einem multiresistenten Erreger besiedelt oder infiziert seien, zunächst aufwendig isoliert. Sei ein chirurgischer Eingriff geplant, erfolge dann - sofern möglich - eine Sanierung, um die multiresistenten Erreger mithilfe von Spezialprodukten und eventuell Reserve-Antibiotika zu reduzieren beziehungsweise zu bekämpfen.

Waschset vor der OP 

Vor der Operation gibt es ein Waschset: Tobias Brüggemann zeigt die Spezialmittel, die den Patienten vor geplanten Eingriffen nebst Anleitung mit nach Hause gegeben werden.

Das Rot-Kreuz-Krankenhaus geht einen anderen individuellen Weg im Kampf gegen Keime in der Klinik: Abgesehen vom Screening von Risikopatienten hat man die Vorbeugung bei planbaren orthopädischen Eingriffen an Knie, Schulter und Hüfte verstärkt. Hier werden bei allenPatienten, deren Operation geplant ist, Abstriche gemacht, um nach MRSA-Keimen zu suchen. Unabhängig vom Ergebnis bekommen alle betroffenen Patienten sechs Tage vor der Operation ein Set mit Waschlotionen und Salben mit nach Hause, um Keime auf der Haut und den Schleimhäuten zu reduzieren, erläutert Tobias Brüggemann, Krankenhaushygieniker und Oberarzt an der Klinik für Anästhesie, Intensiv- und Notfallmedizin.

Sollten tatsächlich MRSA-Keime gefunden werden, erfolgt eine weitere Behandlung mit stärkeren Mitteln. „Die Patienten nehmen das sehr gerne an. Sie sind froh, dass sie selbst etwas tun können, um Infektionen zu vermeiden“, sagt Brüggemann.

Seit Oktober vergangenen Jahres seien über 100 Patienten auf diese Weise behandelt worden. Bei fünf Patienten seien multiresistente Keime gefunden worden. Und bis auf einen Fall sei es gelungen, die Keime zu bekämpfen.

Auch Darmkeime im Visier: Gefahr für Intensiv- und Risikopatienten

Bei besonders gefährdeten Patienten auf Intensivstationen und Patienten mit einem erhöhten Risiko schauen Kasseler Krankenhäuser bei der Suche nach gefährlichen multiresistenten Keimen noch genauer hin. So wird bei Intensivpatienten nicht nur per Abstrich in Nase und Rachen nach MRSA-Keimen gefahndet, auch andere potenzielle Problemkeime, die zum Beispiel im menschlichen Darm vorkommen können, sind im Visier. Dazu werden auch Stuhlabstriche entnommen.

Verbreitung eindämmen 

Durch die Untersuchungen und das Entdecken der Keime könne man durch noch strengere hygienische Vorsichtsmaßnahmen nicht nur deren Verbreitung eindämmen, sondern - falls möglich - den betroffenen Patienten gleich mit dem richtigen Antibiotika behandeln, betont Krankenhaushygieniker Tobias Brüggemann vom Rot-Kreuz-Krankenhaus.

Doch gegen viele multiresistente Erreger, vornehmlich bestimmte Darmkeime, gibt es derzeit kaum noch wirksame Medikamente. Deshalb lässt sich nicht jeder Kampf um ein Menschenleben gewinnen.

Das sagt das Gesundheitsamt

Nordhessisches MRE-Netzwerk läuft gut 

Unter der Federführung des Gesundheitsamtes Region Kassel ist vor fünf Jahren ein nordhessisches Netzwerk gegen multiresistente Erreger (MRE) gegründet worden. Den Vorläufer, ein Kasseler Netzwerk gegen MRSA-Keime, gab es bereits seit Anfang 2009. Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Pflegedienste, Rettungsdienste und Labore aus der Region arbeiten hier inzwischen mit, um Strategien und Hygieneleitlinien zu entwickeln und auch die Kommunikationen untereinander zu verbessern.

Und das laufe wirklich gut, sagt Amtsleiterin Dr. Karin Müller. So würden beispielsweise bei Verlegungen beziehungsweise Krankenhausaufnahmen Risikopatienten nach den Richtlinien des Robert-Koch-Instituts auf MRSA-Keime (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) gescreent. Jüngst seien zudem neue Arbeitsgruppen gebildet worden, um niedergelassene Ärzte, die Patienten nach der Krankenhausentlassung oder auch während der Pflege behandeln, mehr in den Kampf gegen die Keime einzubeziehen. Erfolge zeigten sich deutschlandweit, sagt auch der stellvertretende Amtsleiter Dr. Markus Schimmelpfennig: Die im Krankenhaus erworbenen Infektionen seien zurückgegangen. Denn wenn bei Patienten Besiedelungen mit Keimen oder gar Infektionen festgestellt werden, könne gezielt und vorbeugend beispielsweise durch Isolierung der Patienten gehandelt werden.

Im vergangenen Jahr habe es in Kassel acht im Labor nachgewiesene und gemeldete MRSA-Infektionsfälle gegeben, im Landkreis zehn. In diesem Jahr gab es bislang fünf Fälle im Landkreis und zwei in der Stadt. Die Dunkelziffer sei jedoch sicher höher.

Während MRSA-Infektionen zurückgehen, nehmen multiresistente gramnegative Erreger (MRGN) indes an Bedeutung und Fallzahlen zu. Dies sind Darmbakterien und andere Keime, deren Nachweis weitaus aufwendiger ist und die schwer zu bekämpfen sind.

Umso wichtiger sei eine effektive Hygiene in Krankenhäusern und anderen medizinischen Einrichtungen, so die Gesundheitsbehörde.

Hintergrund: Wenn Keime gefährlich werden

Jeder Mensch ist mit Bakterien besiedelt: auf der Haut, den Schleimhäuten und vor allem im Darm. Diese sind in der Regel harmlos und meist sogar nützlich. Bakterien können aber auch zur Gefahr werden, wenn sie zum Beispiel in eine Wunde oder ins Blut gelangen und dort Infektionen hervorrufen.

Normalerweise können diese dann mit Antibiotika bekämpft werden. Allerdings gibt es zunehmend Bakterien, die unempfindlich gegen viele dieser Medikamente sind (Multiresistenz). Nach Schätzungen der europäischen Gesundheitsbehörde sterben in Europa jährlich 25 000, in Deutschland 15.000 Patienten an den Folgen einer Infektion mit mehrfach resistenten Keimen wie MRSA. Solche widerstandsfähigen Erreger kommen vor allem in Krankenhäusern und in Tiermastanlagen vor.

Schutz für Frühchen

Neben den Beispielen des Marienkrankenhauses und des Rot-Kreuz-Krankenhauses zum Umgang mit Problemkeimen soll hier auch ein Blick auf das Krankenhaus der Maximalversorgung, das Klinikum Kassel, geworfen werden.

Sowohl bei der Aufnahme als auch als Überwachung würden hier alle Intensivpatienten sowie Patienten mit definierten Risikofaktoren auf multiresistente Erreger untersucht. Hierbei setze das Klinikum die Vorgaben der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention des Robert-Koch-Institutes und auch Vereinbarungen des regionalen MRE-Netzwerkes um.

Für frühgeborene und neugeborene Intensivpatienten gelte darüber hinaus ein generelles Aufnahmescreening und ein wöchentliches Wiederholungsscreening, bei dem nicht nur mögliche MRE (multiresistente Erreger), sondern auch andere Problemkeime frühzeitig entdeckt werden können.

Auch Schwangere würden in bestimmten Situationen, vor allem bei drohender Frühgeburt, auf die Besiedlung mit Problemerregern untersucht.

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