Und das bei voller Fahrt

Ein Kasseler Lkw-Fahrer packt aus: Was hinter dem Steuer alles los ist

Tragischer Unfall: Eine dreiköpfige Familie aus Niedersachsen starb am 12. Juli bei einem Unfall auf der A 7 bei Fuldabrück. Ein Lkw war ins das Stauende gefahren. Foto:  Zucchi (dpa)

Kassel. Auffahrunfälle mit Lkw auf der A7 bei Kassel scheinen sich in jüngster Zeit zu häufen. Ein Lkw-Fahrer aus Kassel hat eine Vermutung, was Ursache dieser Unfälle sein könnte.

Am 12. Juli starb dabei eine Familie, eine Woche später prallte ein Tankzug auf einen anderen Lkw am Stauende.

Sie schalten den Tempomaten ein und tippen dann SMS, schreiben Nachrichten bei WhatsApp, posten bei Facebook, skypen mit dem Handy und haben auf dem Beifahrersitz Laptops, die sie während der Fahrt benutzen.

So schildert ein Kasseler Lkw-Fahrer den Alltag auf Deutschlands Autobahnen in den Führerhäusern der Brummis. 50 bis 60 Prozent seiner Kollegen, schätzt der Mann, der seit 25 Jahren für eine Kasseler Spedition unterwegs ist, würden sich während der Fahrt mit ihren Smartphones beschäftigen.

Er habe Gänsehaut bekommen, als er kürzlich die Stelle auf der A 7 zwischen Guxhagen und dem Südkreuz Kassel passierte, an der am 12. Juli Mutter, Vater und Tochter bei einem Unfall starben, sagt er. Ein Lastwagen, der von einem 50-jährigen Tschechen gesteuert wurde, war am Stauende offenbar ungebremst auf das Wohnmobil der Familie gefahren.

„Das Hantieren mit den Smartphones ist eine zu große Ablenkung“, sagt der Kraftfahrer, der dieses Verhalten seiner Kollegen aus seinem Führerhaus beobachtet. Ein Stauende würden viele Lkw-Fahrer deshalb zu spät bemerken und es komme zu den Unfällen. „Ohne Smartphone wären daher viele Unfälle vermeidbar. Man sollte sie deshalb generell in Lkw und Pkw verbieten.“

Er sagt gleichwohl, dass die Pkw-Fahrer nicht besser seien. Da gebe es genauso viele, die während der Fahrt mit dem Handy hantierten. Ein Grund für diese Verhalten sieht der 51-Jährige auch darin begründet, dass 20 Prozent der Lkw-Fahrer für Subunternehmen aus dem Ausland fahren. Viele stammten aus Osteuropa und seien oft vier Wochen am Stück unterwegs. „Die Leute haben Sehnsucht nach ihrer Familie“, sagt der Mann. Daher werde oft zum Smartphone gegriffen.

Seine These sieht der Mann auch darin belegt, dass die meisten Auffahrunfälle mittlerweile tagsüber passierten. Hinzu komme, dass nicht jeder für den Beruf des Fernfahrers, der auch mit viel Stress verbunden sei, geeignet ist, sagt der 51-Jährige. Es würden derzeit viele Kraftfahrer gesucht. Nicht selten komme es vor, dass junge unerfahrene Fahrer in einen 20 Meter langen 40-Tonner gesetzt würden.

Die tödlichen Unfälle häuften sich in jüngster Zeit, sagt der 51-jährige. Vier Menschen sind erst am Montagabend dieser Woche bei einem Unfall auf der A1 in Hamburg ums Leben gekommen, nachdem ein Lkw in ein Stauende fuhr.

Im Juni waren zwei Menschen gestorben, nachdem ein Lkw-Fahrer auf der A4 bei Dresden ungebremst in ein Stauende fuhr.

Das sind nur zwei Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit.

Das sagt die Polizei: 

Seitdem es Smartphones gibt, stelle die Autobahnpolizei fest, dass diese verbotenerweise während der Fahrt von Lkw- und Autofahrern in die Hand genommen werden, sagt Polizeisprecher Torsten Werner. Man könne aber nicht sagen, dass die Zahl dieser Verstöße in den vergangenen Jahren gestiegen sei, zumal es keine Statistik über diese Ordnungswidrigkeiten gebe. Smartphones dürfen während der Fahrt nicht in die Hand genommen werden. Es ist nur das Telefonieren über eine Freisprechanlage erlaubt.

Die Zahl der Unfälle, die auf den Autobahnen A7, A44 und A 49 rund um Kassel stattfinden, bewege sich seit Jahren auf einem ähnlichen Niveau. 2014 waren es 1655 Unfälle und 2015 wurden 1670 registriert. An 500 dieser Unfälle, also rund einem Drittel, seien Lkw beteiligt. Die Hauptursache bei den Lkw-Unfällen seien nicht angepasste Geschwindigkeit und zu geringer Abstand.

An der Baustelle auf der A7 zwischen Guxhagen und dem Südkreuz Kassel seien seit Ende Mai bis zum 19. Juli 21 Unfälle passiert., so Werner

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