Mo Asumang: „Sie sind Verkäufer des Hasses“

Kasseler Regisseurin traf für Doku „Die Arier“ Ku-Klux-Klan-Mitglieder

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Die Kasseler Regisseurin Mo Asumang traf für ihre neue Doku "Die Arier" auf zahlreiche Rassisten, darunter ein Mitglied des Ku-Klux-Klans.

Kassel. Welche Wurzeln hat der Rassismus unserer Tage? Europäische Rassisten etwa beanspruchen den Begriff „Arier“ für sich. Dass der Ursprung der Arier aber ganz woanders liegt, zeigt Mo Asumang in ihrer neuen Dokumentation. Dafür interviewte sie Rassisten und zeigt deren menschenverachtendes Weltbild.

Frau Asumang, wie kamen Sie auf die Idee, Rassisten zu treffen, um mit ihnen über das Thema Arier zu sprechen?

Mo Asumang: Das Thema Rassismus begleitet mich, seit ich denken kann. Es gab aber auch einen Song der Neonazi-Band White Aryan Rebels mit dem Titel „Die Kugel ist für dich, Mo Asumang“. Und irgendwann habe ich dann angefangen zu recherchieren, wer denn die Arier überhaupt sind. Dabei habe ich festgestellt, das sind ja gar keine Deutschen und gedacht, da muss ich einen Film darüber drehen.

Man sieht Sie im Film zwischen deutschen Neonazis auf einer Demonstration und auch an einem Waldrand in den USA, wo Sie auf ein Mitglied des Ku-Klux-Klans warten. Gab es ernsthaft keine Sicherheitsmaßnahmen?

Asumang: Ich war dort mit meinen beiden Kamerafrauen und dem Tonmann. Sonst war niemand anwesend. Ich bin nicht wie eine BBC-Journalistin an die Sache herangegangen und habe alle Inhalte redaktionell vorbereitet. Ich habe das eher wie einen Selbstversuch gemacht, weil ich einfach auch wissen wollte, was das mit mir macht.

Hatten Sie keine Angst vor diesen Leuten?

Stichwort: Arier

Belegt ist die Bezeichnung Arier aus Iran und Indien. Man stellte sie sich als Nomaden vor, die sich seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. von ihrer Heimat westlich des Urals in die zentralasiatische Steppe ausbreiteten. Im 19. Jahrhundert lösten neue Weltanschauungen den Begriff des Ariers aus der Sprachwissenschaft und erweiterten ihn auf eine biologische Abstammungsgemeinschaft. Man behauptete, dass Menschen, die in Europa, Indien und Iran lebten, genetische Abkömmlinge des Volks der Arier seien. Die Nazis übernahmen den Begriff in ihre Rassenlehre.

Asumang: Nicht bewusst. Ich habe erst in den USA wirklich gemerkt, was abgeht, als wir dort in der Dunkelheit am Waldrand auf das Mitglied des Ku-Klux-Klans und dessen Begleiter gewartet haben und feststellen mussten, dass auf dem Rücksitz ihres Trucks zwei Maschinengewehre lagen. Da ist mir dann bewusst geworden, wie gefährlich diese Aktion ist. Aber als ich dann mit den Leuten gesprochen habe, hatte ich keine Angst. Denn ich habe gemerkt, dass sie nicht sehr viel anders ticken als Neonazis in Europa, die sich einfach ihr Feindbild im Kopf zurechtbasteln.

Wie sind Sie überhaupt an den Ku-Klux-Klan herangekommen, die sprechen ja nicht alltäglich mit Journalisten?

Asumang: Ich habe im Internet recherchiert, wann demnächst wieder ein Treffen der vielen Ku-Klux-Klan-Gruppierungen stattfindet und bin dabei auf einen Flyer gestoßen, auf dem nur die Stadt und ein Datum angegeben war. Und dann sind wir da einfach hingefahren, in der Hoffnung, dass jemand mit uns spricht.

Man bekommt im Film den Eindruck, dass der US-Rassist Tom Metzger durchaus Sympathien für Sie hat. Das zeigt doch, dass diese Menschen selbst nicht glauben, was sie da reden, oder?

Stichwort: Ku-Klux-Klan

Der Ku-Klux-Klan ist ein rassistischer Geheimbund in den Südstaaten der USA. Ziel des Klans nach der Gründung am 24. Dezember 1865 war vor allem die Unterdrückung der Schwarzen. Seine Gewalttaten richteten sich zunächst gegen Schwarze und deren Beschützer sowie gegen die ehemaligen Nordstaatler. Nach dem Zweiten Weltkrieg formierten sich verschiedene Gruppen als Ku-Klux-Klan, die Gewalt gegen die Bürgerrechtsbewegung verübten. Die Mitglieder nennen sich selbst Knights of Ku Klux Klan (Ritter des Ku-Klux-Klans). Quelle: Wikipedia

Asumang: Genau. Ich teile Rassisten in zwei Kategorien: Die einen sind die Hassverkäufer, die anderen sind die Mitläufer. Tom Metzger ist ein Hassverkäufer. Und wenn es aussieht, als würde es ihm nichts ausmachen, mit mir zusammen zu sein, dann ist es genau das. Denn Hassverkäufer glauben nicht an den Quatsch, den sie erzählen. Zum Schluss hat er mich sogar umarmt und gesagt: Hoffentlich sieht das keiner, sonst bin ich erledigt. Das sagt doch eigentlich alles.

Was genau meinen Sie mit Hassverkäufer?

Asumang: Mit Hassverkäufer meine ich die Naziführer, die eher im Hintergrund agieren. Denen ist egal, wie jemand aussieht, Hauptsache sie können auf deren Kosten Geschäfte machen und Geld verdienen. Sie glauben nicht an den Hass, sondern verkaufen ihn vielmehr an ihre Mitläufer und Anhängerschaft – über CDs, T-Shirts und andere Artikel aus dem Rassismusgeschäft.

Sie zeigen in Ihrem Film, dass Arier aus Indien und aus dem Iran stammen. Wie hat dennoch über Jahrzehnte bei deutschen Rassisten der Irrglaube bis heute überleben können, sie seien Arier?

Asumang: Die Nazis haben damals aus der Sprachwissenschaft den Begriff Arier in die Rassenlehre übernommen und den Deutschen übergestülpt. Aber so etwas kann man nicht einfach so machen. Es gibt tatsächlich eine Sprachverwandtschaft zum alten Indien, zum alten Iran, aber beispielsweise auch zu romanischen Sprachen. Und wenn ich eine romanische Sprache spreche, dann bin ich noch kein Römer. Die Deutschen sind keine Arier und waren es auch nie.

Zur Person

Mo Asumang (50) wurde 1963 in Kassel geboren, ihr Abitur machte sie am Goethegymnasium. Nachdem sie ihr Studium an der damaligen Gesamthochschule Kassel (GhK) in Visueller Kommunikation abgeschlossen hatte, zog sie nach Berlin. Asumang arbeitet als Schauspielerin, Sängerin, Fernsehmoderatorin, Regisseurin und Synchronsprecherin. Für ihr Regiedebüt „Roots Germania“ wurde sie im Jahr 2008 für den Grimme-Preis nominiert.

Der Film „Die Arier“

Der Dokumentarfilm „Die Arier“ ist eine persönliche Reise auf der Suche nach den Ursprüngen des Arierbegriffs und dessen Missbrauch durch Rassisten in Deutschland und den USA. Die Kasseler Regisseurin mit afroamerikanischen Wurzeln, Mo Asumang, sucht nach den Menschen, die hinter der hasserfüllten rechten Ideologie stehen. Mo Asumang erhielt eine Morddrohung von der Neonazi-Band White Aryan Rebels.

Die Regisseurin meinte daraufhin, es sei an der Zeit, dem Arierbegriff und seinen Folgen auf den Grund zu gehen. Sie besuchte Demonstrationen der selbst ernannten Arier in Gera, Wismar und Potsdam. Sie forschte in Archiven und reiste schließlich in den Iran, wo sie alte Inschriften fand, die den Ursprung des Arierbegriffs bezeugen. In den USA traf sie sich mit dem Ku-Klux-Klan und dem Rassisten Tom Metzger, Gründer der „White Aryan Resistance“. (dag)

„Die Arier“, 29. April, 22.10 Uhr , Arte und 5. Mai, 23.55 Uhr, ZDF.

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