Kasseler Wissenschaftler forschen für autonom fahrende Autos

Vorsicht, unbemanntes Auto: Noch muss man vor autonomen Fahrzeugen warnen. Forscher der Uni Kassel arbeiten daran, dass die Autos sich künftig untereinander austauschen und auch schwierige Verkehrssituationen und Gefahren meistern können. Foto: Picture Alliance

Kassel. Das selbstfahrende, vom Computer gesteuerte Auto ist längst keine Vision mehr. An der Forschung in diesem Bereich sind auch Wissenschaftler der Uni Kassel beteiligt.

Der US-Konzern Google hat mit seiner Testflotte von autonomen Fahrzeugen bereits über 1,6 Millionen Kilometer zurückgelegt.

Auch deutsche Autohersteller experimentieren seit Längerem mit selbstfahrenden Autos auf Autobahnen. Wenn der Computer das Steuer übernimmt, könnte es weniger Unfälle und vielleicht auch weniger Staus geben.

Das ist die Idee. Doch im städtischen Verkehr mit seinen komplexen, oft schwer vorhersehbaren Gefahrensituationen, stoßen autonome Fahrzeuge noch an ihre Grenzen. Das zeigte kürzlich ein Unfall in den USA, bei dem ein selbstfahrendes Google-Auto beim Versuch, per Spurwechsel einem Hindernis auszuweichen, mit einem Bus kollidierte. Forscher des Instituts für Analyse und Regelung technischer Systeme (ISAC) der Universität Kassel untersuchen als Teil eines bundesweiten Projekts, wie künftig autonome Autos in engem gegenseitigen Zusammenspiel auch komplizierte Verkehrssituationen und Gefahren meistern können - besser und zuverlässiger, als das ein menschlicher Fahrer oder ein autonomes Fahrzeug allein könnte.

Beispielsweise kann ein Fahrer, der an einem parkenden Lkw vorbeifährt, nicht sehen, ob sich dahinter ein Passant verbirgt, der plötzlich auf die Straße laufen könnte. Ein selbstfahrendes Auto könnte das schon - wenn es die Information von anderen Fahrzeugen bekommt, die Sicht auf den Fußgänger haben.

Prof. Dr. Bernhard Sick will in seinem Teilprojekt das unfallvermeidende Zusammenspiel von Autos organisieren. „Bisher sind autonome Fahrzeuge auf sich allein gestellt“, sagt der Wissenschaftler. Der Computer im Auto soll mithilfe von Sensoren wie beispielsweise Kameras in die Lage versetzt werden, das Verhalten von Verkehrsteilnehmern vorauszuberechnen. Sicks Kollege Prof. Dr. Olaf Stursberg entwickelt Algorithmen, die es dem Auto ermöglichen, auf der Basis derartiger Prognosen unter den Fahrzeugen abgestimmte, sichere Fahrmanöver zu berechnen und umzusetzen. „Da gibt es noch viel zu tun“, sagt Sick. Speziell was das Verhalten von Fahrradfahrern betreffe, betrete seine Forschungsgruppe Neuland. „Das Verhalten eines Fußgängers, ob er abwartet, langsam geht oder seinen Schritt beschleunigt, können Computer heute bereits recht gut erkennen. Bei Radfahrern funktioniert das noch nicht so gut“, erklärt er.

Erfahrungswerte und Vergleichsdaten erhalten die Kasseler Forscher von Projektpartnern in Aschaffenburg, wo eine Testkreuzung mit Laserscannern und Kameras bestückt ist. Bis autonome Autos über deutsche Straßen rollen, könnten nach Einschätzungen von Experten aus der Branche noch bis zu 15 Jahre vergehen. Die wissenschaftlichen Wegbereiter dafür jedenfalls kommen auch aus Kassel.

Hintergrund: 490.000 Euro Förderung für Kassel 

Die beiden Forschungsprojekte der Uni Kassel sind Teil des Schwerpunktprogramms „Kooperativ interagierende Automobile“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Es ist auf sechs Jahre angelegt. In den ersten drei Jahren fließen rund 490 000 Euro Fördergeld nach Kassel. Kooperationspartner sind die Hochschule Aschaffenburg, die Uni Passau, die TU München und das DLR Institut für Verkehrssystemtechnik in Braunschweig. Es geht dabei auch um die Entwicklung selbstlernender Systeme, die auch auf unerwartete Verkehrssituationen angemessen reagieren können.

Prof. Dr. Bernhard Sick (Fachgebiet Intelligente Eingebettete Systeme) forscht zur kooperativen Wahrnehmung der Verkehrssituation in autonomen Fahrzeugen, die miteinander im Austausch stehen. Außerdem arbeitet er an Systemen, die Autos in die Lage versetzen, Verkehrssituationen abzuschätzen und Verhalten vorherzusehen.

Prof. Dr. Olaf Stursberg (Fachgebiet Regelungs- und Systemtheorie) entwickelt Algorithmen, die aus verschiedenen Handlungsalternativen die für die Situation jeweils besten Fahrmanöver berechnen und auswählen. Diese werden zwischen den Fahrzeugen abgestimmt, sodass Kollisionen ausgeschlossen sind.

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