Interview mit Leoni Schlender

Ein Leben im Schlamm: Kasselerin half im Flüchtlingslager Idomeni

Die griechisch-mazedonische Grenze: So sah es im Ort Idomeni während des andauernden Regens aus. Das schlechte Wetter verschlimmerte die Situation vor Ort erheblich. Fotos: Leoni Schlender/nh

Kassel / Idomeni. Im Flüchtlingslager Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze harren weit über zehntausend Menschen aus. Leoni Schlender (21) aus Kassel hat dort ehrenamtlich unter anderem bei der Essensausgabe geholfen.

Was war Ihre Motivation für so ein Abenteuer?

Leoni Schlender: Angesichts der aktuellen politischen Lage habe ich mich ohnmächtig und verzweifelt gefühlt und wollte diese negativen Gefühle in etwas Konstruktives verwandeln.

Wie ist die Lage vor Ort?

Leoni Schlender

Schlender: Die Ärzte ohne Grenzen haben Felder gemietet, auf denen Menschen campen. Sie und das Flüchtlingswerk der vereinten Nationen sind für das Camp zuständig, brauchen aber die Unterstützung Freiwilliger. Der Alltag ist geprägt vom Schlangestehen. Bei der medizinischen Behandlung kümmern sich die Ärzte nur um akute Fälle. Essen wurde immer in Unmengen zubereitet. Nachmittags brachten wir es ins Camp. So entstand Routine, und die katastrophalen Zustände wurden zur Gewohnheit.

Was können Sie über die Menschen berichten? Was brauchen sie am dringendsten?

Schlender: Je nach Wetterlage mangelt es an trockener Kleidung und Zelten. Vor allem leiden die Menschen unter dem Wartezustand, da sie keine Perspektiven haben. Die Menschen sind aus der Not aufgebrochen und nun gezwungen, in unwürdigen Umständen in der Kälte und im Schlamm zu leben. Trotzdem gab es auch schöne Begegnungen. Viele Menschen waren dankbar und neugierig.

Wie haben Sie das Verhalten der Polizei erlebt?

Schlender: Die griechische Polizei hat ihre Präsenz immer weiter ausgebaut und reagiert auf Zwischenfälle mit Tränengas und Gewalt. Von der mazedonischen Polizei ist bekannt, dass gegen Grenzübertritte äußerst gewaltsam vorgegangen wird. Dabei werden sie von der EU mit Spezialkräften und Ausrüstung wie Wärmebildkameras und Hundestaffeln unterstützt.

Gab es Konflikte zwischen Gruppen verschiedener Nationalitäten?

Schlender: Oft hört man Pauschalurteile über Menschen anderer Nationen. Sicher werden diese Konflikte auch dadurch geschürt, dass die EU in der Behandlung der Flüchtenden nach Nationalitäten vorsortiert.

Wie haben die Menschen auf Sie reagiert?

Schlender: Oft haben die Flüchtenden von Familie erzählt, die sie in Deutschland haben. Ich habe Freunde gefunden, fühlte mich mit den Menschen auf Augenhöhe. Umso schwerer war deshalb der Abschied. Es kam mir absurd vor, problemlos nach Deutschland zu reisen. Ich fühlte mich oft unwohl als Bürgerin einesLandes, nach dem sich viele sehnen, welches für mich aber geprägt ist von dem Aufschwung der AfD und einer gesellschaftlichen Polarisierung.

Was nehmen Sie aus diesem Abenteuer mit?

Schlender: Während der Arbeit vor Ort hatte ich immer wieder Momente, in denen ich an der Sinnhaftigkeit zweifelte. Warum habe ich geholfen, einen Ort zu verschönern, an dem niemand bleiben will?

Ich möchte mich deshalb aktiver engagieren, um an der Gestaltung einer offeneren Gesellschaft mitzuwirken. Es ist für mich wichtig, legale Fluchtwege zu schaffen und eine Debatte, in der es um soziale Verantwortung geht.

Zur Person

Leoni Schlender ist 21 Jahre alt und kommt aus Kassel. Seit Kurzem lebt sie in Leipzig und studiert dort Politikwissenschaft. In den ersten drei Märzwochen fuhr sie ins Flüchtlingslager Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze, um ehrenamtlich mitzuhelfen.

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