Mehr Einbürgerungen nach dem Brexit: Kassels Briten werden Deutsche

Lebt seit 27 Jahren in Nordhessen: Fiona Dancy, die aus Sussex stammt, hat wegen des EU-Austritts Großbritanniens die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Foto: Rudolph

Kassel. Großbritannien hat Ende Juni für den Austritt aus der EU gestimmt. Durch den Brexit ist die Zahl der Einbürgerungsanträge in der Region stark gestiegen.

Wir haben mit einer Britin aus Kassel gesprochen, die nun die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt hat.

Sie lebt seit 27 Jahren in Nordhessen. Aber daran gedacht, ihre britische Staatsbürgerschaft aufzugeben, hatte Fiona Dancy eigentlich nie. Bis der Brexit ins Spiel kam. Jetzt hat die 51-Jährige den deutschen Pass beantragt.

„Ich wollte das vorsichtshalber regeln“, sagt die Mutter eines neunjährigen Sohnes. Ihr Lebensgefährte ist Deutscher, und auch das gemeinsame Kind wächst zwar zweisprachig auf, hat aber die deutsche Staatsbürgerschaft. Als künftige Nicht-EU-Bürgerin, so Dancys Sorge, könnte es kompliziert werden, wenn sie mit ihrem Sohn verreist.

Bereits zwei Tage vor dem Referendum in ihrem Heimatland gab sie ihre Unterlagen für den Einbürgerungsantrag im Kasseler Rathaus ab. Da habe sie eigentlich noch gehofft, es werde schon nicht so weit kommen. Dass Großbritannien dann tatsächlich für den EU-Austritt stimmte, findet die Engländerin „ganz furchtbar.“ Der Brexit habe das ganze Land gespalten. Auch mit ihren eigenen Eltern spart sie das Thema am Telefon lieber aus - zu heikel.

Fiona Dancy, die an der Uni Kassel im Bereich Anglistik Dozentin für Sprachpraxis ist und in ihrer Freizeit leidenschaftlich gern Oboe spielt, stammt aus Sussex in Südengland. Nach dem Studium - Französisch und Russisch - verschlug es sie nach Nordhessen. Die junge Frau wollte damals nochmal etwas anderes ausprobieren, zog in die Kommune Niederkaufungen und arbeitete dort einige Jahre in der Schreinerei. „Irgendwie bin ich dann hier hängengeblieben“, sagt Dancy und lacht. Ihr Deutsch ist nahezu akzentfrei, nur an der Sprachmelodie kann man noch einen englischen Einschlag heraushören.

Fühlt sie sich nach so langer Zeit als Deutsche oder Britin? Beides, sagt Dancy, ohne zu zögern. Deshalb sei sie auch ein wenig nervös, ob ihr Einbürgerungsantrag zügig durchkomme. Denn solange Großbritannien noch Teil der EU ist, bekommt sie die doppelte Staatsbürgerschaft. Ist der Brexit bereits in Brüssel besiegelt, muss die Kasselerin ihre britische Staatsangehörigkeit ganz aufgeben. „Da wäre ich schon wehmütig“, sagt sie. So sehr sie in Kassel heimisch sei - wenn sie in dieser Woche in Urlaub nach England fährt, werde sich sofort wieder dieses Gefühl einstellen, nach Hause zu kommen. „Man gehört einfach ganz selbstverständlich dazu.“

Typisch britisch an Dancy ist ihre Vorliebe für Tee zu allen Tageszeiten. Die original englischen Kekse (digestive biscuits), die dazu in ihrer Heimat gereicht werden, vermisst sie in Deutschland. Andererseits merke sie gerade bei Besuchen in England, wie „deutsch“ sie geworden sei: Mit der hier üblichen direkten Art, die Dinge auszudrücken, stoße sie manche Landsleute vor den Kopf. „Dieses höfliche Drumherumgetänzel, das man im Englischen pflegt, habe ich abgelegt.“

Hintergrund

In der Stadt Kassel leben 145 britische Staatsangehörige, im Landkreis sind 114 Briten gemeldet. Allein im Landratsamt an der Wilhelmshöher Allee haben sich in den Tagen nach dem Brexit 20 Briten nach einer Einbürgerung erkundigt. Ebenso wurdenim Kasseler Rathaus - auch schon im Vorfeld des Referendums - vermehrt Anfragen gestellt.

Über die Anträge entscheidet das Regierungspräsidium (RP) Kassel als Einbürgerungsbehörde. Dort sind in diesem Jahr bislang 15 Einbürgerungsanträge von britischen Staatsbürgern eingegangen, sechs davon aus der Stadt und einer aus dem Kreis Kassel. Zum Vergleich: Im gesamten vergangenen Jahr wurden im Bereich des RP Kassel sechs Briten eingebürgert. Insgesamt gab es 1470 Einbürgerungen ausländischer Staatsbürger.

Voraussetzungen für eine Einbürgerung sind:

• mindestens seit acht Jahren in Deutschland

• unbefristete Aufenthaltsgenehmigung

• in der Lage, den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten

• nicht vorbestraft

• ausreichende Deutschkenntnisse (Zertifikat B1)

• staatsbürgerliche Grundkenntnisse (Nachweis über Einbürgerungstest)

• Verfassungstreue: Wer seine Einbürgerungsurkunde erhält, muss folgendes Bekenntnis ablegen: „Ich erkläre feierlich, dass ich das Grundgesetz und die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland achten und alles unterlassen werde, was ihr schaden könnte“.

• EU-Bürger dürfen ihre bisherige Staatsangehörigkeit behalten (doppelte Staatsbürgerschaft). Nicht-EU-Ausländer müssen die bisherige Staatsangehörigkeit abgegeben.

Fragen aus dem Einbürgerungstest: Testen Sie Ihr Wissen:

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren: Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.