In vielen deutschen Städten ist das längst gang und gäbe

Kaum ein Kasseler Taxifahrer nimmt EC- oder Kreditkarten

Nur eine Handvoll Kasseler Taxis hat schon Kartenleser: Eine der seltenen Ausnahmen ist das Taxi 19 von Unternehmer Harald Walter, das unser Fotograf nach längerer Suche am Halteplatz des Bahnhofs Wilhelmshöhe fand. Foto:  Koch

Kassel. An der Tankstelle, in Lokalen und im Einzelhandel ist es heute überall selbstverständlich, dass Kunden bargeldlos mit EC- oder Kreditkarte bezahlen können. In vielen deutschen Städten ist das längst auch bei Taxifahrten gang und gäbe. Das Kasseler Taxigewerbe allerdings hinkt der Entwicklung hinterher:

Nur einige wenige von 130 Autos sind technisch auf bargeldloses Bezahlen eingerichtet. Das ärgert insbesondere Geschäftskunden, die viel fahren und den Vergleich zum Service in anderen Städten haben.

Oliver Hoffmann zum Beispiel findet es „frappierend, dass Kassel da so eine Ausnahme macht“. Der Mitarbeiter eines Konzerns mit Standort auch in Kassel ist viel auf Dienstreisen im In- und Ausland. „Da kommen jedes Mal Taxibelege von 150 bis 200 Euro zusammen“, sagt er.

Wenn er in Kassel sei, ernte er in der Taxischlange vor dem Bahnhof Wilhelmshöhe meist nur Kopfschütteln, wenn er nach der Möglichkeit frage, mit Firmen-Kreditkarte zahlen zu können. „Ich mag diese Beträge nicht immer privat vorstrecken“, sagt der 52-Jährige. Die Taxichauffeure würden schließlich auch nicht für ihr eigenes Geld tanken und dies erst viel später mit ihrem Taxibetrieb abrechnen.

Aus Bremen, Bonn, Frankfurt und vielen weiteren Städten ist Hoffmann gewöhnt, dass er seine Taxifahrten bargeldlos begleichen kann: „Ich finde es auch in Ordnung, wenn dafür ein Zuschlag berechnet wird.“ Hoffmann hat allerlei unterschiedliche Systeme kennengelernt, mit denen Taxifahrer solche Aufträge ganz unkompliziert abrechnen. „Es gibt zum Beispiel kleine Kartenleser, die der Fahrer einfach an sein Smartphone anschließt, um die Karte online autorisieren zu lassen. Eine Quittung bekomme ich dann noch im Auto direkt auf mein Handy geschickt.“

Für Kassels Taxigewerbe scheint die Sache nicht besonders dringlich zu sein. „Wir forcieren das Thema nicht, dass muss jeder einzelne Unternehmer für sich entscheiden“, sagte Markus Semmelroth, Geschäftsführer der Taxi-Service-Zentrale 88111, gegenüber der HNA: „Uns ist nicht so wichtig, wie die Leute bezahlen, sondern dass sie überhaupt Taxi fahren.“ Semmelroth schätzt, dass es in Kassel vielleicht ein Dutzend Taxis mit Bargeldlos-Technik gibt – das wäre etwa jedes zehnte Auto. Wenn ein Kunde bei der Bestellung in der Zentrale nach Kartenzahlung frage, bekomme er jedenfalls ein entsprechendes Fahrzeug geschickt.

In Berlin hat die Taxi-Aufsichtsbehörde voriges Jahr entschieden, dass sämtliche Fahrer Kartenzahlung akzeptieren müssen und dafür einen Zuschlag von 1,50 Euro berechnen dürfen. Ohne funktionierendes Kartenlesegerät darf eine Berliner Droschke seither keine Fahrgäste befördern.

Bei der Stadt Kassel sei nicht geplant, eine solch verbindliche Verpflichtung in die Beförderungsbedingungen aufzunehmen, sagte Rathaussprecher Sascha Stiebing auf Anfrage der HNA. Die Stadt betrachte die bargeldlose Bezahlmöglichkeit als „zusätzlichen und freiwilligen Service“. Die Anzahl von Taxiunternehmen, die dies bereits anbieten, sei der Stadt nicht bekannt.

Für Kassels Profil als Messe- und Kongressstadt wäre es aus Sicht von Kassel Marketing „sehr wichtig“, dass Geschäftsbesucher in möglichst vielen städtischen Taxis bargeldlos bezahlen können. Das sagte Kassel-Marketing-Geschäftsführer Andreas Bilo auf Anfrage der HNA.

Bilo wies darauf hin, dass die Taxifahrer für auswärtige Gäste oft die ersten Ansprechpartner und somit Botschafter der Stadt Kassel seien. Auch im Hinblick auf den Service-Standard, der in Kassel geboten wird, würden die Chauffeure den entscheidenden ersten Eindruck vermitteln. „Daher würden wir es außerordentlich begrüßen, wenn das Angebot des bargeldlosen Bezahlens im Taxi weiterentwickelt wird.“

„Das Akzeptieren bargeldloser Zahlungen in Taxis ist gerade für den Business-Kunden ein absolutes Muss“, sagt auch Dieter Schlenker, ehrenamtlicher Geschäftsführer der Taxi Deutschland eG mit Sitz in Frankfurt. Der bundesweite Zusammenschluss von Taxizentralen betreibt die App „Taxi Deutschland“, mit der man Taxis örtlicher Vermittlungszentralen bestellen und in vielen Städten gleich direkt mit dem Smartphone bezahlen kann – so, wie es in Kassel etwa bei KVG-Fahrkarten möglich ist.

Das System läuft unter anderem in Hamburg, Bremen, Berlin, München sowie vielen weiteren deutschen Städten. Insgesamt sind mehr als 15.000 Taxis angeschlossen.

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