Georg-Friedrich Deyß erkannte altes Geschütz

Kindersoldaten auf der Dönche: Ein ehemaliger Flak-Helfer erinnert sich

Kinder am Geschütz: Auf der Dönche waren auch jugendliche Flakhelfer im Einsatz. Rechts vorn im Bild (freier Oberkörper) Georg-Friedrich Deyß.

Kürzlich berichteten wir über die Flakstellungen rund um Kassel, mit denen die Stadt im Zweiten Weltkrieg verteidigt werden sollte. Ein ehemaliger Flakhelfer erinnert sich nun.

An den 4. Dezember 1944 erinnert sich Georg-Friedrich Deyß noch genau. „Es war ein trüber Tag mit tiefhängenden Wolken. Dann waren plötzlich Motorengeräusche aus Richtung Herkules zu hören.“, sagt der 87-Jährige. Als damals 16-Jähriger war er als Flakhelfer auf der Dönche im Einsatz, wo eine Großkampfbatterie mit 16 Geschützen stationiert war.

Die Motorengeräusche gehörten zu einem Bomberverband der Briten, wie Deyß und seine Kameraden kurz darauf feststellen sollten. „Noch bevor wir auch nur einen Schuss loswerden konnten, wurden wir mit zwei Bombenteppichen überzogen. Wir sind gesprungen wie die Frösche“, erzählt der Zeitzeuge.

Flaks an der Dönche: Vier Geschütze vom Typ Acht-Acht sind zu erkennen, die Flugzeuge bis in einer Höhe von zehn Kilometern treffen konnten. Sie wurden aber auch für Bodenziele eingesetzt. Links die damalige Kapelle in Süsterfeld, die in den 60ern durch die Dreifaltigkeitskirche ersetzt wurde. Im Hintergrund die Innenstadt.

Als die Bomber abzogen, waren zehn seiner Kameraden tot und fast alle Geschütze zerstört. Wie durch ein Wunder wurde das Geschütz, an dem er selbst stand, nicht getroffen. Viele Baracken der Soldaten waren zerbombt, die Kantine hatte einen Volltreffer erhalten. „Unser Dienstmotorrad wurde durch die Druckwelle der Bombe hochgeschleudert und landete auf dem Dach der Kantine. Dabei blieb es fast unversehrt. Wir konnten es anschließend weiterhin fahren“, so Deyß, der inzwischen in Baunatal lebt, damals aber in Zierenberg zu Hause war. Bis er im Januar 1944 eingezogen wurde, war er Schüler der Albert-Schweitzer-Schule in Kassel.

Obwohl die Abteilung 6/35 der fünften schweren Flakbatterie nach dem Bombenangriff im Dezember 1944 nicht mehr einsatzbereit war, machten sich die jugendlichen Soldaten daran, die Stellungen wieder notdürftig aufzubauen. Über die Toten wurde nicht gesprochen. Das unbebaute Areal mit den Flaks erstreckte sich seinerzeit auch auf den Bereich zwischen Heinrich-Schütz-Allee und Eugen-Richter-Straße.

Offizier schoss Fotos

Das Fotos vom Alltag der Soldaten auf der Dönche erhalten sind, ist einem Schreibstubenoffizier zu verdanken. „Das Fotografieren war seinerzeit ja streng verboten. Aber während wir schossen, hatte der Offizier nichts zu tun. Also machte er Fotos mit der Leica“, so Deyß.

Ausgegraben: Diese Flak wurde im Juli 1981 bei Erdarbeiten in der Dönche gefunden. Georg-Friedrich Deyß erinnert sich noch, wie das Geschütz eingesetzt wurde.

Am 3. März 1945 gab es einen weiteren Angriff auf die Flakstellung auf der Dönche. Bomben und Luftminen besiegelten ihr Ende. „Als die Amerikaner sich näherten, wollte man Kassel zur Festung erklären“, sagt Deyß. Mit Lanz-Bulldogs seien zwei Flaks auf ein höher liegendes Areal in der Dönche gezogen worden. Die Geschütze wurden so ausgerichtet, dass sie anrückende Panzer am Boden beschießen konnten. Eine dieser Flaks hatte Deyß kürzlich in der HNA wiederentdeckt, als wir über das 1981 wiederentdeckte Kriegsgerät berichteten, das bei Erdarbeiten auf der Dönche aufgetaucht war.

„Als die Amerikaner immer näher kamen, haben wir unsere Flaks unbrauchbar gemacht und sind in alle Richtungen weggelaufen“, erzählt der 87-Jährige. Später geriet er in französische Kriegsgefangenschaft. „Als ich zurückkam, konnte ich kaum noch die Bruchrechnung.“

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