Er möchte 110 werden

Drittältester Mann in Deutschland: Kasseler Martin Eichel wird 109

Täglich Besuch von der Familie: Martin Eichel mit seinem Sohn Norbert in seinem Zimmer im Altenheim am Sängelsrain. Foto: Malmus

Kassel. Der drittälteste Mann in Deutschland kommt aus Kassel: Martin Eichel aus Kirchditmold feiert heute seinen 109. Geburtstag. Damit ist er der älteste Mensch in Kassel. Bundesweit sind nur zwei Männer älter als er, nämlich 110. Frauen erreichen ein so hohes Alter etwas häufiger.

Als Schreinerbursche zog Martin Eichel in den 1920-er Jahren regelmäßig mit dem Handwagen von Kirchditmold bis nach Bettenhausen. Zu Fuß musste er Holz und anderes Material für seinen Lehrherren holen. Dabei marschierte der junge Mann auch durch die Kasseler Altstadt, die später im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs versank. In Eichels Erinnerung lebt das alte Kassel weiter: „Die schönen Häuser habe ich heute noch vor Augen“, sagt er.

Martin Eichel hat mehr von Kassels Geschichte miterlebt als jeder andere: Heute wird er 109 Jahre alt und ist damit der älteste Kasseler und einer der ältesten Deutschen. „Der Uralte“, stellt er sich am Tag vor seinem Geburtstag den Besucherinnen von der HNA vor. „Und Sie sind sicher 20 Jahre alt“, sagt er fragend zu Redakteurin und Fotografin, die beide auf die 40 zugehen. In so hohem Alter wird Jugend eben relativ.

Jeden Sonntag in der Kirche

Kann er selbst glauben, dass er 109 Jahre alt wird? Da lacht Martin Eichel. „Es ist schon etwas Besonderes“, sagt er dann. Seit er 100 sei, fragten ihn die Menschen immer wieder, wie man so alt werden könne. Darauf gibt er seither dieselbe Antwort - und zwar mit Nachdruck und erhobenem Zeigefinger: „Nur durch Gottes Gnade, da gibt es keinen Zweifel.“ Bis heute besucht der gläubige Christ jeden Sonntag seine evangelisch-freikirchliche Gemeinde in Ihringshausen. „Da ist er der Methusalem“, sagt sein Sohn Norbert (69), der sich mit seiner Frau Karla rührend um den Vater kümmert. Auch die beiden erwachsenen Enkel und der Urenkel bereiten dem alten Herrn viel Freude.

Martin Eichel (übrigens nicht mit Hans Eichel, dem ehemaligen Bundesfinanzminister aus Kassel verwandt) wurde 1907 in Schauenburg-Breitenbach geboren. Der Familie gehörte dort seit jeher die Dorfschmiede. Doch schon im Alter von sieben Jahren verlor er seinen Vater. Mit 14 zog Martin Eichel zu Tante und Onkel nach Kirchditmold, die dort die Schreinerei an der Riedelstraße führten.

In Zweiten Weltkrieg war Eichel in der Fliegerabwehr eingesetzt, auch in der Kasseler Bombennacht musste er die feindlichen Flugzeuge anleuchten. Doch im Krieg lernte er auch seine Frau Traute kennen: 1942 heiratete das Paar, zum Kriegsende kam Sohn Norbert zur Welt. Inzwischen bei der Bahn als Betriebsinspektor tätig, richtete Eichel in Kirchditmold in einem ausrangierten Bahnwagon ein Übergangsheim für die Familie ein. Bis heute steht dort sein Haus, in dem er bis voriges Jahr noch weitgehend selbstständig lebte. Noch mit 107 fuhr er täglich Fahrrad und kochte selbst.

Reisen durch die Welt

Auch seinem Reisefieber ging er bis ins hohe Alter nach. „Ich habe viel von der Welt gesehen: Vom Atlantik bis zum Pazifik, vom Nordkap bis zu den Pyramiden“, erzählt er. Noch mit 100 flog er ans Schwarze Meer. Heute verspürt er kein Fernweh mehr, sondern denkt mit Wehmut an sein altes Zuhause in Kirchditmold. Seit einem schweren Sturz im vergangenen Jahr lebt der hochbetagte Kasseler im Altenheim. Er hört nicht mehr gut und geht inzwischen meist am Rollator, nimmt aber noch über die HNA und das Fernsehen am Geschehen in Kassel und der Welt teil.

Viele Wünsche hat Martin Eichel nicht zu seinem Geburtstag. „Nur, dass mein Zustand so bleibt“, sagt er. Und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „110, das wäre schon interessant.“

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