Gutachten facht Streit an

Angeblich 43 Millionen mehr: A44-Gutachter geißelt Mehrkosten

Kritik an „Umweg-Autobahn“: Der Plan des Landes, den Verkehr von der A44 zwischen Kassel-Süd und Kassel-Ost über die A7 zu führen (Foto), verursacht nach Einschätzung des BI-Gutachters erhebliche Zusatzkosten - beim Bau und auch später. Archivfoto: Ketteritzsch

Kaufungen/Helsa/Kassel. Die geplante parallele Streckenführung von A 44 und A 7 zwischen Kassel-Süd und -Ost würde pro Jahr zu einem volkswirtschaftlichen Schaden von 43 Millionen Euro führen.

Zu diesem Ergebnis kommt ein Gutachten, das das bauwirtschaftliche Beratungsbüro Hesse (Hannover) im Auftrag der Bürgerinitiative (BI) Pro A44 erstellt hat.

Demnach summieren sich die Mehrkosten durch den rund sechs Kilometer langen „Umweg“ auf 43 Millionen Euro jährlich. Für die Ermittlung der Summe habe er unter anderem die Zusatzkosten für Kraftstoff, Personal und Fahrzeuge berechnet, sagte Diplom-Ingenieur Helmut Hesse am Freitag im HNA-Gespräch. „Allein die zusätzlichen Kilometer entsprechen 30 Mal der Strecke von Kassel nach Rom“, sagte der aus Sontra stammende Experte. Nach seinen Angaben liegt das Gutachten auch dem Bundesverkehrsministerium vor und sei dort „auf großes Interesse gestoßen“.

Neben den volkswirtschaftlichen Mehrkosten einer A44-Trasse durch das untere Lossetal gegenüber der von der BI favorisierten H-Trasse (direkte Weiterführung der Autobahn bei Kassel-Süd entlang der Söhre und des Stiftswalds) hat Hesse auch noch einmal die unmittelbaren Kosten der beiden Trassenvarianten verglichen. Als Grundlagen dienten dem Ingenieur dabei die aus dem Jahr 2012 stammende Kostenschätzung der Straßenbaubehörde Hessen Mobil und eigene Berechnungen auf der Grundlage von ihm eingeholter Angebote: Demnach würde der Abschnitt zwischen Kassel-Ost und Helsa voraussichtlich knapp 331 Millionen Euro kosten - 54 Prozent mehr als von Hessen Mobil kalkuliert.

Allein der Tunnel bei Helsa verteuert sich nach den Berechnungen Hesses um 78 Prozent, und zwar von 67,4 auf 120,3 Millionen Euro. Um gleich 98 Prozent lege die Bausumme für Erd- und Straßenbau zu: von knapp 72 auf 142,5 Millionen Euro. Als Gründe für die von ihm ermittelte Kostenexplosion bei dem Tunnel nennt Hesse „Unwägbarkeiten in erheblichem Umfang“, etwa bei der geologischen Beschaffenheit. Beim Erd- und Straßenbau müsse bezweifelt werden, ob alle anfallenden Kosten tatsächlich in die Schätzung eingeflossen seien.

Als Beispiele nennt Hesse, der das Gutachten gemeinsam mit dem BI-Vorsitzenden Dr. Wolfram Glaß (Kaufungen) vorstellte, die Kosten für Ausführungsplanung, Bauaufsicht, Entwässerung und provisorische Bauwerke. Als Konsequenz aus der „erheblichen Diskrepanz“ zwischen den Zahlen von Hessen Mobil und dem Gutachten fordern Glaß und Hesse eine „vorurteilsfreie Prüfung“ der Alternativtrasse durch das Land.

Das sagt das Ministerium

„Da wir nicht wissen, wie Herr Hesse die Zahlen hergeleitet hat, können wir sie nicht kommentieren“, sagte Wolfgang Harms, Sprecher des hessischen Verkehrsministeriums, am Freitag auf HNA-Anfrage. Dies gelte sowohl für die Betrachtung der angeblichen volkswirtschaftlichen Schäden als auch der Mehrkosten beim Bau der A44. Gegenwärtig werde die Kostenschätzung des Landes für die Autobahn zwischen Kassel und Helsa überarbeitet. Das aktualisierte Zahlenwerk werde dem Bundesverkehrsministerium zugeleitet.

Wann dies der Fall sei, so Harms, könne man gegenwärtig noch nicht sagen. Er erinnerte daran, dass das Ministerium über den sogenannten Sichtvermerk grundsätzlich grünes Licht für die A44-Variante des Landes gegeben habe. Einen Wunsch, neu zu planen, habe das Bundesministerium an Wiesbaden nicht herangetragen.

Hintergrund: Gewichtung wird geprüft

Um die beste Variante für die A44-Verbindung zwischen Kassel und Helsa zu finden, hatten sich die Teilnehmer des runden Tisches zur Autobahnplanung und Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) darauf verständigt, sämtliche Trassenvarianten noch einmal nach festen Kriterien von Hessen Mobil überprüfen zu lassen (die HNA berichtete) . Das Ergebnis - am besten schnitt die vom Land favorisierte Trasse durch das untere Lossetal ab - sorgt allerdings für heftige Kritik. Kaufungens Bürgermeister Arnim Roß (SPD) wirft Hessen Mobil vor, die Kriterien falsch gewichtet zu haben. Das Kriterium Wirtschaftlichkeit nehme zu viel Gewicht ein. Stattdessen müssten Mensch, Flora und Fauna ganz oben stehen, fordert der Bürgermeister. Hessen Mobil sagte daraufhin zu, die abweichende Gewichtung aus Kaufungen noch einmal zu prüfen.

Nach Auskunft von Ministeriumssprecher Wolfgang Harms wird die Gewichtung der Beurteilungskriterien für die Trassenvarianten weiterhin geprüft.

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