200.000 Getriebe weniger – Leiharbeiter-Verträge vorerst sicher

Betriebsversammlung bei VW: Produktion wird zurückgehen

Baunatal. Das VW-Werk Kassel in Baunatal muss im kommenden Jahr mit deutlichen Rückgängen bei der Produktion rechnen.

Das machten Betriebsrat und Werksmanagement am Rande einer Betriebsversammlung am Dienstag mit rund 7000 Beschäftigten deutlich.

Tiefe Einschnitte, etwa die Kündigung von bis zu 1000 Leiharbeitern, wie im Vorfeld der Veranstaltung befürchtet wurde, wird es zumindest vorerst nicht geben. Im Gegenteil: Die Zeitarbeiter, deren Verträge im Januar ausgelaufen wären, bekamen eine Verlängerung zumindest um sechs Monate. Alles weitere werde derzeit verhandelt..

„Die aktuelle Situation bei Volkswagen schlägt sich natürlich auch in den Produktionsprogrammen für Anfang 2016 nieder und wird aus unserer Sicht zu einer erheblichen Delle in der Auslastung des Standortes führen“, sagte Betriebsratschef Carsten Bätzold mit Blick auf die Folgen des Abgasskandals für den nordhessischen Standort. „Es gibt nichts zu beschönigen an der aktuellen Situation: Das ist die größte Krise, die wir je hatten.“

Aktualisiert
um 18 Uhr.

In Zahlen sieht das für 2016 so aus: Produzierte der Standort 2014 noch die Rekordsumme von vier Millionen Getrieben, erwartet das Management für 2015 und 2016 jeweils eine Marke von 3,8 Millionen Einheiten.

Stellvertretender Werkleiter Gerd Hahn und Personalchef Dr. Michael Ritter machten deutlich: „Wir fahren im Moment auf Sicht.“ Niemand könne derzeit sagen, wie sich die Lage des Konzerns über die nächsten zwei Monate hinaus entwickele, so Ritter. „Wir können nicht sicher sein, ob die Kunden weiter bei uns einkaufen.“

Betriebsratschef Bätzold stellte sich Spekulationen entgegen, dass das Werk mit seinen 17 000 Mitarbeitern im Sommer auf Kurzarbeit umstelle. „Es gibt keine Planung für Kurzarbeit.“

Betriebsversammlung bei VW in Baunatal

Hintergrund: Neue Getriebe trotz VW-Krise

Trotz der negativen Folgen nach dem Abgasskandal bei VW verweisen Werksmanagement und Betriebsrat auf positive Entwicklungen am Standort. Die Produktion für zwei neue Direktschaltgetriebe (DQ 381 und DL382) läuft in Baunatal an. Außerdem sei jüngst erst die Produktion für das Hybridgetriebe DQ 400e von täglich 200 auf 300 erhöht worden.

Auch bei weiteren Entscheidungen zum Ausbau der Elektromobilität sitzen Manager und Entwickler aus Baunatal mit am Tisch. Laut Betriebsratschef Carsten Bätzold ist immer noch nicht vom Tisch, dass das Werk in Nordhessen an der Produktion eines Elektro-Phaetons beteiligt wird.

Vor der Versammlung

Die Zukunft der rund 1000 Beschäftigten mit befristeten Verträgen sei unter anderem Thema in der Versammlung, sagte Betriebsratschef Carsten Bätzold im Vorfeld der Versammlung im Gespräch mit der HNA. „Es wird auch bei uns um die Leiharbeiter gehen.“ Grund für mögliche Sparschritte sind Absatzrückgänge bei Volkswagen im Inland und in den USA aufgrund des Abgasskandals. Insgesamt verdichten sich die Vermutungen, dass der Konzern zuerst im Bereich der Leiharbeiter sparen wird.

Kurz vor Beginn der Betriebsversammlung waren um 8.30 Uhr schon mehr als 4000 Mitarbeiter in Halle 2 versammelt. Über 6000 Beschäftigte verfolgen derzeit die Betriebsversammlung - ursprünglich waren die Organisatoren von 4500 Zuhörern ausgegangen. Es gebe großen Redebedarf und viele Fragen.

Neben den Leiharbeiter-Jobs geht es auch um Investitionen für den Standort. Erstmals ist auch der Leiter des OTC, Fred Kappler, auf der Betriebsversammlung und wird sich zur Lage des Original-Teile-Centers äußern. Die Rednerliste für die Versammlung ist dieses Mal besonders lang. Beobachter rechnen damit, dass es eine emotionale Versammlung wird.

„Wir wollen Klartext hören“, sagt etwa Auszubildender Benedikt Paul am Rande der Betriebsversammlung. Der 18-Jährige ist gemeinsam mit seinen Kollegen Raphael Rotondi und Dominik Lee Stolberg zur Halle 2 gekommen. „Wir wollen auch wissen, was die Folgen des Abgasskandals für das Werk Kassel bedeuten“, ergänzt Lee Stolberg. Außerdem gehe es um die Übernahme der Auszubildenden, sagt Raphael Rotondi. Es gebe zwar für alle ein Übernahmegarantie, aber in wirtschaftlich schwachen Zeiten könnte diese ausgehebelt werden. „Die Auszubildenden erwarten eine Übernahme“, betont der 18-Jährige, der im vierten Lehrjahr zum Werkzeugmechaniker ist.

Vor Abgasskandal wurden Leiharbeiter übernommen

Noch vor dem Abgasskandal im Sommer wurden im Baunataler Werk 120 Leiharbeiter auf feste Stellen übernommen, 220 Verträge von Leiharbeitern wurden verlängert. 1000 Frauen und Männer sind derzeit noch bei der Zeitarbeitsfirma Autovision beschäftigt.

Alles Aktuelle zur Betriebsversammlung finden Sie auf kassel-live.de

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Rubriklistenbild: © HNA/Kühling

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