Fußball als Türöffner für den Job: Sport für Flüchtlinge in Baunatal

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Rundes Leder verbindet: Dawud Ibrahimi (vorn von links), Ruholla Palo, Abdul Majid Hakimi, Farsad Rahmani (dahinter v. li.), Mojtaba Rahimi, Ibrahim Mohammedi und Isac Hamid fühlen sich auf dem Kunstrasenplatz in Hertingshausen wie zu Hause.

Baunatal. Die Stadt Baunatal bietet Flüchtlingen ein vielfältiges Sportangebot – allerdings dominiert dabei der Leistungssport. Für die Flüchtlinge ist das eine willkommene Abwechslung.

Dawud, Ruholla, Abdul und einige weitere junge Männer flitzen über den weichen Boden des neuen Kunstrasenplatzes in Hertingshausen, dribbeln und fordern ungeduldig von ihren Mitspielern den Ball. Katrin Eschstruth, Vorstandsmitglied im KSV Baunatal, ermuntert die Brüder Ahmad und Muhannad aus Syrien und Jolol Hosmie aus Afghanistan, die Neuankömmlinge, mitzumachen. Für die Flüchtlinge aus der Gemeinschaftsunterkunft im ehemaligen Sagaflor-Gebäude in Hertingshausen sind die Fußballnachmittage eine willkommene Abwechslung. Der 18-jährige Farsad Rahmani blüht dabei regelrecht auf. Sonst sei er oft nur auf seinem Zimmer mit dem Smartphone beschäftigt, sagt der junge Mann.

Das Fußballspielen auf dem Kunstrasenplatz des TSV Hertingshausen ist nur eines von vielen sportlichen Angeboten, die die Stadt den Flüchtlingen macht. Sie sollen den Asylbewerbern helfen, in Baunatal heimisch zu werden. Mehr als 80 ehrenamtliche Helfer hätten sich gemeldet, als die Arbeitsgemeinschaft „Sport und Bewegung“ gegründet wurde, berichtet Anke Bodenstein von der Stadt Baunatal. Die Kommune erhält dafür Geld aus dem Landesprogramm „Sport und Flüchtlinge“.

Beliebte Abwechslung vom Alltag in der Unterkunft: Junge Flüchtlinge spielen auf dem neuen Kunstrasenplatz des TSV Hertingshausen regelmäßig Fußball. Den Schlüssel zur Anlage verwalten sie selbst.

Bei Katrin Eschstruth laufen alle Fäden der sportlichen Aktivitäten für Flüchtlinge zusammen. Sie ist ehrenamtliche Koordinatorin, hält Kontakt zu sämtlichen Sportvereinen und packt selbst beherzt mit an. Sie erzählt von Hürden und Erfolgen, die sie in ihrer Arbeit bisher erlebt hat. „Als ich den Flüchtlingen erzählt habe, dass in Deutschland Frauen und Männer gemeinsam schwimmen, hat ein Asylbewerber ungläubig gelacht“, berichtet Eschstruth. Und beim ersten Eltern-Kind-Schwimmen im Aqua-Park seien mehrere Flüchtlinge in langen Unterhosen statt Badehosen am Becken angetreten, sehr zum Unmut des Schwimmmeisters.

In einem Fall hat sich laut Eschstruth das Sportangebot schon als Türöffner für eine berufliche Perspektive von Flüchtlingen erwiesen. Ein KSV-Vereinsmitglied, das bei der Kaufunger Firma Lindig Fördertechnik arbeitete, beobachtete zufällig einige Asylbewerber beim Spiel und bot spontan Praktikumsplätze an. Sechs Asylbewerber hätten daraufhin bei Lindig den Gabelstaplerschein gemacht, berichtet Eschstruth. Fußball steht bei den Aktivitäten ganz klar im Mittelpunkt, er ist bei den meisten Flüchtlingen die erste Wahl. Doch da gibt es ein Problem: Die Baunataler Vereinsteams spielten fast alle im Punktspielbetrieb. Das Spielniveau der meisten Flüchtlinge müsse erst noch ausgebaut werden. „Es fehlen Freizeitmannschaften“, sagt Eschstruth. Abdul Majid Hakimi aus Afghanistan, der auch gern Fußball spielt, hat den Sprung in ein deutsches Team dennoch geschafft: Er spielt künftig in der Volleyball-Mannschaft des KSV Baunatal.

Hintergrund 

Der KSV Baunatal bietet seit Anfang November 2015 Sportkennenlernangebote für Flüchtlinge und deren Familien an, darunter Ballsportarten, Badminton, Kinderturnen, Kickboxen, Boxen, Zumba, Yoga und Schwimmen. Vorher werden die Teilnehmer in deutschen Verhaltensregeln unterwiesen.

Der KSV wie auch die übrigen Vereine kümmern sich eigenverantwortlich um Trainingszeiten für Flüchtlinge. Es gibt auch einen ehrenamtlichen Fahrdienst.

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