Rehasport: Müssen die Patienten trotz Rezept vom Arzt zahlen?

+
Die Kosten für ärztlich verordnete Wassergymnastik übernehmen die Krankenkassen. Darin ist auch das Eintrittsgeld für das Schwimmbad enthalten. Der Rehasportverein Gesundheitssport Nordhessen mit Sitz in Baunatal bietet Wassergymnastik in Kassel, Baunatal, Bad Arolsen und Homberg-Hülsa an. Unser Symbolbild zeigt Senioren bei der Wassergymnastik in der Therme Bad Karlshafen.

Baunatal/Kreis Kassel. Rita Steege (Name geändert) fühlt sich betrogen: Trotz Rezept vom Arzt habe sie für Rehasport zahlen müssen - so schien es zumindest auf den ersten Blick.

Weist der Rehasportverein Gesundheitssport Nordhessen nicht ausreichend darauf hin, dass Patienten mit ärztlicher Verordnung für Wassergymnastik weder Mitgliedsbeiträge noch Schwimmbadkosten entrichten müssen? Steege glaubt zumindest, dass dem so ist.

Sie leidet seit vielen Jahren an Morbus Bechterew - einer rheumatischen Erkrankung, die vor allem die Wirbelsäule schwer schädigt. Vom Arzt hat sie Wassergymnastik verschrieben bekommen, die sie auch gern machen würde - beim Gesundheitssport Nordhessen mit Sitz am Eutiner Weg in Baunatal.

Hinweis im Kleingedruckten

„Doch erweckt der Verein den Eindruck, dass Mitgliedsbeiträge und eine Gebühr für die Schwimmbadnutzung fällig seien“, meint Steege. „Dabei übernehmen diese Kosten allein die Krankenkassen.“

Achim Hänlein

Steeges Vorwurf nährt sich aus einem Anmeldeformular, das sie bei einer Infoveranstaltung des Vereins in der Kasseler Niederlassung an der Friedrich-Ebert-Straße erhalten hat. Es enthält den Passus, dass bei einer Mitgliedschaft auch Schwimmbad-Kosten in Höhe von 9 Euro im Monat fällig werden. Der Hinweis, dass für Rehasport weder eine Mitgliedschaft noch Zusatzzahlungen erforderlich seien, erscheine erst im Kleingedruckten auf der Rückseite der Anmeldung. „Eine Mitgliedschaft ist immer freiwillig“, sagt dazu AchimHänlein, Vorsitzender des Gesundheitssports Nordhessen. Darauf werde auch bei den Info-Veranstaltungen hingewiesen. Die Patienten müssten zudem ein Beratungsprotokoll unterzeichnen, aus dem hervorginge, dass es für Rehasport wie Wassergymnastik weder eine Mitglieds- noch eine Zuzahlungsverpflichtung gibt. „Das heißt: Wenn Patienten mit ärztlicher Verordnung nicht Mitglied werden wollen, können sie dennoch Wassergymnastik ohne Schwimmbadkosten bei uns machen.“

Kassen zahlen zu wenig

Aber es werde eben begrüßt, wenn Reha-Teilnehmer dennoch einer Mitgliedschaft zustimmten und damit auch den Schwimmbad-Eintritt bezahlten, sagt Hänlein. Grund: Die Kostenerstattung durch die Kassen reiche nicht aus, um die Schwimmbadkosten zu decken. „Die Kassen geben uns dafür 1,10 Euro pro Person und Kurseinheit, tatsächlich kostet der Eintritt aber 2,50 bis 8 Euro. Wenn wir also trotz Kostenübernahme keine Mitglieder werben, müssten wir unsere Wassergymnastik schließen. Andernfalls müssten Mitglieder anderer Angebote die Wassergymnastik mitfinanzieren, was aber nur schwer vermittelbar wäre.“ Insofern habe er kein Verständnis für Patienten wie Steege, „auch wenn es ihr Recht ist, keine Mitgliedschaft mit Kostenübernahme einzugehen“.

So will Hänlein denn auch den Vorhalt nicht stehenlassen, Eintrittsgelder möglicherweise doppelt zu kassieren - von den Kassen und den Mitgliedern. „Rechnet man alles auf, kommt ein Nullsummenspiel dabei heraus“, sagt Hänlein. Auch sehe er kein Problem darin, die offenbar unzureichenden Kostenübernahme-Vereinbarungen zwischen Kassen und dem Hessischen Behinderten- und Rehasportverband (HBRS) durch die Mitglieder auffangen zu lassen. „Wie gesagt: Alles ist freiwillig. Fakt ist, dass das Geld der Kassen allein nicht reicht. Dennoch wollen wir weiterhin Wassergymnastik anbieten können“, sagt Hänlein.

Hintergrund: Kosten für Reha-Sport

„Grundsätzlich werden die Kosten für Wassergymnastik von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen“, sagt Otto Mahr, Geschäftsführer des Hessischen Behinderten- und Rehasportverbandes (HBRS). Dabei ist es zulässig, dass Reha-Vereine zusätzlich auch Mitgliedsverträge mit den Patienten abschließen, wenn sie auf Freiwilligkeit beruhen. „Dann ist es laut Paragraf 14 der Finanzierungsverordnung auch erlaubt, dass zudem noch Zusatzkosten wie ein Schwimmbad-Eintritt erhoben werden.“ Erst wenn keine Freiwilligkeit vorliege, komme es zu einer Abmahnung des Vereins.

Im Allgemeinen deckten die von den Krankenkassen geleisteten Kostenerstattungen die Reha-Angebote der Sportvereine. Doch sei das von Ort zu Ort verschieden. „Insofern ist es absolut legitim, wenn Reha-Vereine zusätzlich Mitglieder werben und Zusatzkosten verlangen, um ihr Angebot breit gefächert zu halten.“

Für Trockengymnastik zahlen die gesetzlichen Kassen in Hessen 5,20 Euro pro Kopf und Kursstunde, für Wassergymnastik 6,30 Euro. Die Differenz von 1,10 Euro soll die Kosten für die Schwimmbadnutzung abdecken. Diese Sätze wurden erst zum 1. Januar 2015 angehoben.

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.