„Bin in Tränen ausgebrochen“

Baunatalerin ist Kampfrichterin bei Olympia in Brasilien

Für zwei Wochen in Rio: Die verheiratete Mutter zweier Kinder reist am kommenden Montag nach Brasilien.

Kassel. Auch wenn es auf sportlicher Ebene nicht reicht, ist der Traum von Olympia doch möglich. Das beweist Sabrina Steffens. Die Baunatalerin ist seit 26 Jahren im Bogensport aktiv, seit zwölf Jahren auch als Kampfrichterin.

Am 5. August beginnen in Rio de Janeiro die Olympischen Sommerspiele. Wir schauen in diesen Tagen auf Sportler und Helfer und ihre Motivation, an Olympia am Zuckerhut teilzunehmen. Wir blicken zudem zurück auf unsere ganz persönlichen Olympia-Momente.

Für ihren großen Wunsch, einmal bei Olympia dabei zu sein, hat Sabrina Steffens kontinuierlich gearbeitet. Jetzt ist sie am Ziel angekommen und als eine von insgesamt zwölf Kampfrichtern in Brasilien für den regelkonformen Ablauf der Wettkämpfe zuständig. In Rio war Steffens bislang noch nicht. Sie hofft, dass sie das Olympische Dorf besuchen darf.

Frau Steffens, wie weit war der Weg für Sie als Kampfrichterin zu den Olympischen Spielen? Länger als die etwa 9700 Kilometer Luftlinie zwischen Baunatal und Rio de Janeiro?

Steffens: Das System ist so: Als Kampfrichter muss man auf Landes-, also für mich auf Hessenebene, anfangen. Dann muss man mindestens zwei Jahre Kampfrichter gewesen sein, um auf die nationale Ebene aufzusteigen. Dort muss man wieder zwei Jahre Erfahrungen sammeln und gute Leistungen zeigen. Wenn das stimmt, kann der Deutsche Schützenbund einen für die europäische Ebene empfehlen. Voraussetzung ist, dass man Englisch spricht. Dazwischen muss man jeweils immer Prüfungen ablegen.

Und dann ist man automatisch bei Olympia dabei?

Steffens: Nein. Danach gibt es noch den Sprung zum Weltverband. Dort ist man zunächst Anwärter - quasi wie eine Probezeit. Wenn man dann vollwertiger Kampfrichter ist, muss man sich drei Jahre bewähren. Dann darf man sich für Olympia bewerben.

Das heißt, die Spiele in Rio sind auch die ersten, die für einen Einsatz in Frage kamen?

Steffens: Ja, genau. Aber 2010 war ich bereits als Kampfrichterin bei den ersten Olympischen Jugendspielen in Singapur dabei.

Seit wann wissen Sie, dass es mit Olympia klappt und wann geht es los?

Im Einsatz: Sabrina Steffens (37) vom SSV Baunatal achtet bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro darauf, dass die Bogenschützen die Regeln einhalten und misst bei engen Entscheidungen an der Scheibe den Gewinner aus. Fotos:  privat

Steffens: 2014 habe ich mich beworben. Die Zusage habe ich dann im Oktober 2015 bekommen. Da saß ich gerade beim Arzt, habe die Mail bekommen und bin in Tränen ausgebrochen. Alle haben mich gefragt: Oh Gott, ist etwas Schlimmes passiert? Und ich habe gesagt: Nein, ganz im Gegenteil. Los geht es dann am kommenden Montag - erst nach Rom und von dort aus nach Rio. 14 Stunden dauert die Anreise insgesamt.

Müssen Sie den Traum von Olympia selbst finanzieren?

Steffens: Nein, wir bekommen Flug und Hotel für zwei Wochen. Auch unsere Ausrüstung wird bezahlt.

Hotel - das heißt im Olympischen Dorf werden Sie nicht untergebracht sein?

Steffens: Leider nicht. Aber ich kenne die beiden deutschen Bogenschützen, die teilnehmen, Lisa Unruh aus Berlin und Florian Floto aus Braunschweig. Ich hoffe, dass sie Besuch empfangen dürfen, damit ich mir das angucken kann. Das würde ich schon gerne einmal sehen, wenn ich schon vor Ort bin.

Was ist denn für unsere Starter möglich?

Steffens: Leider haben wir die Olympia-Norm im Team bei Männern und Frauen verpasst. Maximal kann jedes Land jeweils drei Einzelstarter und ein Team stellen. Die Beiden sind auf keinen Fall Außenseiter. Ich denke schon, dass sie die Chance auf eine Medaille haben. Bei Olympia ist alles anders.

Welche Aufgaben kommen auf Sie in Rio zu?

Steffens: Wir sind für den richtigen Ablauf des Wettkampfes zuständig. Zum Beispiel, wenn ein Pfeilwert strittig ist. Kommt es zu einem Stechen, müssen wir bestimmen, wessen Pfeil sich näher am Zentrum befindet. Dazu brauchen wir schon mal einen Zirkel. Wir müssen also ebenfalls eine ruhige Hand haben.

Wie bereiten Sie sich vor?

Steffens: Auf jeden Fall werde ich das Regelwerk noch einige Male lesen. Und ich bereite mich auf Sondersituationen vor: Was mache ich zum Beispiel, wenn etwas ausfällt. Es werden rund 90 000 Zuschauer im Stadion sein. Da darf mir kein Fehler passieren.

Was ist Ihr besonderer Olympia-Moment?

Steffens: Das war auf jeden Fall, als das Olympische Feuer 1992 in Barcelona mit einem brennenden Pfeil aus einem Bogen angezündet wurde. (vom paralympischen Bogenschützen Antonio Rebollo, Anm. d. Red.)

Zur Person

Sabrina Steffens ist 37 Jahre alt und kommt aus Baunatal. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern, einer Tochter (3) und einem Sohn (1). Steffens ist seit 26 Jahren selbst als Bogenschützin beim SSV Baunatal aktiv, seit zwölf Jahren zudem als Kampfrichterin. Daneben ist die 37-Jährige im Vorstand des Europäischen Bogensportverbandes und in der technischen Kommission des Deutschen Schützenbundes. Sabrina Steffens arbeitet als selbstständige Übersetzerin.

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.