Interview mit Werkleiter Jablonski

VW-Werk Baunatal: „100 Ingenieure arbeiten für den e-Antrieb“

Werkleiter Thorsten Jablonski.

Baunatal. Der Volkswagen-Konzern steht vor einem zukunftsweisenden Umbau. Was bedeutet dies für den Standort Kassel? Wie wichtig ist die E-Mobilität? Und wie sicher sind die Arbeitsplätze?

Darüber sprachen wir mit dem Werkleiter Thorsten Jablonski.

Herr Jablonski, Sie sind ungefähr ein halbes Jahr im Volkswagen-Werk Kassel. Wie gefällt es Ihnen? 

Thorsten Jablonski: Kassel ist ein schöner Standort mit Produkten, die mich technisch reizen. Die Menschen im Werk haben mich offen aufgenommen. In vielen Gesprächen mit ihnen habe ich engagierte und kompetente Fachleute kennengelernt, die es mir leicht gemacht haben, Produkte und Prozesse zu verstehen. Das Fahrwerk kenne ich aus meiner Zeit im VW-Werk Braunschweig, Getriebe sind für mich neu. Das Besondere an meiner Aufgabe ist, Stellschrauben zu identifizieren, um die Produkte gemeinsam mit der Mannschaft zu verbessern.

VW muss aufgrund des Abgas-Skandals sparen. Bleiben die knapp 1000 Leiharbeiter trotzdem an Bord? 

Alle Informationen zum VW Werk in Baunatal finden Sie auch im Regiowiki.

Jablonski: Die Auftragslage ist weiterhin gut. Deshalb haben wir zunächst alle Verträge, die in diesem Jahr auslaufen, um ein weiteres halbes Jahr verlängert. Zur mittel- und langfristigen Personalsituation führen wir derzeit mit dem Betriebsrat Gespräche. Anfang des Jahres haben wir die Entscheidung getroffen, keine Leiharbeiter zu entlassen. Wir waren im ersten Halbjahr zwar nicht ganz ausgelastet, es war aber abzusehen, dass wir im zweiten Halbjahr mehr Mitarbeiter brauchen. Durch die Schließtage und weitere arbeitsorganisatorische Maßnahmen haben wir die Arbeit im ersten Halbjahr auf alle Beschäftigten im Werk verteilt. Unsere Planung ist aufgegangen.

Gibt es einen Plan B für das Personal, wenn die finanziellen Belastungen für VW steigen?

Jablonski: Wir werden unsere Kostenziele erfüllen. Die Auslastungsprognosen für Kassel sind gut, auch weil zwei neue Getriebetypen dazu gekommen sind. Für das Audi-Getriebe DL 382 steigern wir unsere Kapazität nochmals um 40 Prozent. Das neue Doppelkupplungsgetriebe DQ 381, das insbesondere bei SUVs wie dem Tiguan eingebaut wird, ist angelaufen. SUVs sind derzeit ein stark wachsendes Segment. Das ist gut für uns.

Bei E-Autos ist die Nachfrage bescheiden. Woran liegt das? 

Jablonski: Die Elektrofahrzeuge sind immer noch teurer als Autos mit Verbrennungsmotor, die Reichweiten der E-Fahrzeuge entsprechen noch nicht den Kundenerwartungen und die Ladeinfrastruktur ist noch nicht ausreichend. Volkswagen hat den so genannten modularen Elektrik-Baukasten (MEB) aufgesetzt. Mit dem Ziel, dass wir 2020 e-Fahrzeuge in etwa so preisgünstig anbieten können wie Diesel oder Benziner. Dafür werden wir am Standort die Kosten für den Elektroantrieb halbieren. Das haben wir fast schon geschafft.

Was haben Sie verändert? 

Jablonski: Wir haben die E-Maschine verkürzt - bei gleicher Leistung. Damit sparen wir teure Materialien wie zum Beispiel Magnete und Kupfer. Des Weiteren haben wir den Aufbau der E-Maschine und die notwendigen Fertigungszeiten optimiert. Dies ist nur möglich, indem Produkt- und Prozessentwickler gemeinsam die Bauteile optimieren und auch neuartige Berechnungsinstrumente einsetzen.

Wird der e-Golf, der im Oktober mit einer Reichweite von 300 Kilometern auf den Markt kommt, den Schub für die e-Mobilität bringen? 

Jablonski: Es ist ein Schritt hin zu mehr Reichweite. Gleichzeitig erwarten die Kunden eine verbesserte, flächendeckende Schnell-Ladeinfrastruktur, deren Ausbau von der Förderung der Bundesregierung ebenfalls bedacht wird. Die E-Mobilitätsprämie der Bundesregierung, an der wir uns als Hersteller beteiligen, schafft Vertrauen in diese Zukunftstechnologie und wird dem Vertrieb von E-Fahrzeugen in Deutschland mit Sicherheit einen Schub geben. Ich glaube, der große Sprung für VW kommt mit dem Modularen Elektrik-Baukasten.

Steigt damit der Druck auf die Entwickler vor Ort? 

Jablonski: Der Druck ist immens hoch. Im Konzern sind wir überzeugt, dass bis 2025 die e-Mobilität in einer Größenordnung von 25 Prozent der jetzigen Produktion kommen wird. Alle Autohersteller brauchen sie, um die strengeren CO2-Vorgaben der EU zu erfüllen. Wir investieren im Moment mehr Zeit in e-Antriebe als in die konventionellen Antriebe. Am Standort arbeiten 100 Ingenieure in enger Abstimmung mit den Wolfsburger Kollegen an der Weiterentwicklung des e-Antriebs.

Wird VW bei der e-Mobilität mit dem Solartechnikhersteller SMA kooperieren? 

Jablonski: SMA ist stark im Bereich der Leistungselektronik für stationäre Anwendungen, hier laufen bereits Gespräche. Im Bereich Automotive hat das Unternehmen weniger Expertise. Die Leistungselektronik steuert den e-Antrieb und ist damit ein sehr wichtiges Bauteil, da diese noch stärker mit dem Antrieb zusammenwachsen wird. Hier prüfen wir, wer der richtige Partner für uns ist, SMA ist dabei auch eine Alternative.

Das heißt, die Gespräche mit SMA sind im Anfangsstadium? 

Jablonski: Ja, so kann man es nennen. Die Gedanken sind da. Es könnte durchaus zum Wettbewerbsvorteil werden, wenn zwei so potente Anbieter quasi an einem Ort sitzen.

Diese Woche trifft sich der VW-Markenvorstand in Wolfsburg mit Vertretern des Gesamtbetriebsrats, um die Strategie 2025 zu diskutieren. Um was geht es dabei für den Standort? 

Jablonski: Es wird überlegt, wie die deutschen Standorte zukunftsfähiger und wirtschaftlicher werden. Das ist ein Prozess, der seit einigen Monaten läuft. Für Kassel geht es im Rahmen der e-Mobilität um die Entwicklung, Planung und Fertigung der e-Antriebe der nächsten Generation. Um das hohe Beschäftigungsniveau am Standort zu halten, brauchen wir die e-Mobilität.

Wie lässt sich das Werk Kassel noch besser aufstellen? 

Jablonski: Mit dem OTC haben wir den Konzernbereich After Sales vor der Haustür, und wir haben ein Presswerk. Wir planen, eine Kundendienst-Fabrik aufzubauen. Wir wollen Karosserieteile, die im Markt aufgrund der hohen Nachfrage ständig gebraucht werden, hier im Presswerk fertigen. Das spart pro Teil einen zweistelligen Euro-Betrag bei den Logistikkosten. Das Beschäftigungspotenzial liegt in einem ersten Schritt bei 200 Menschen.

Kommt der Wandlungsprozess auch für andere Bereiche ? 

Jablonski: Diese Wandlungsprozesse, die wir im Presswerk haben, werden wir in allen Bereichen des Werkes machen. Es geht darum, Personal wirtschaftlich einzusetzen. Diese Prozesse sind ein Geben und Nehmen. Das heißt, der Einzelne muss bereit sein, sich zu verändern. Wer heute im Getriebebau arbeitet, muss sich morgen womöglich auf e-Mobilität einlassen. Man muss loslassen können. Wenn dies klappt, wird der Standort 2025 so gut dastehen wie heute.

Was wollen Sie loslassen? Die Abgasanlagen mit 600 Beschäftigten? 

Jablonski: Die Anforderungen bei den Abgasnormen steigen stetig. In den kommenden Wochen werden im Konzern zwei wichtige Produktentscheidungen fallen, um die wir uns bewerben. Entscheidend wird bei der Vergabe sein, ob wir gegenüber Mitbewerbern wirtschaftlich besser aufgestellt sind. Mittel- oder langfristig wird die Abgasanlagenfertigung auslaufen, da sind wir uns mit dem Betriebsrat einig. Der richtige Zeitpunkt wird derzeit diskutiert.

Sind Sie mit sich zufrieden? 

Jablonski: Über meinen Erfolg oder Misserfolg sollen andere urteilen. Mein Ziel war es, den Standort schnell zu verstehen und ein Gefühl für die Produkte zu entwickeln - da bin ich ganz zufrieden und auch damit, wie sich die Fabrik gerade optimiert.

Zur Person: Werkleiter Thorsten Jablonski

Thorsten Jablonski (47), geboren in Peine, ist in Groß-Lafferde im Landkreis Peine aufgewachsen. Er studierte Maschinenbau, Fachrichtung Fahrzeugtechnik an der Technischen Universität Braunschweig.

• 1994 stieg der Maschinenbau-Ingenieur als Volontär bei Volkswagen ein. Als Entwickler für Hinterachsen baute er ab 1996 die damals neu gegründete Entwicklung in Braunschweig mit auf. Von 1998 bis 2001 war er Referent für den Betriebsrat und beriet ihn in technischen und wirtschaftlichen Fragen.

• 2001 übernahm er für drei Jahre die Lenkungsfertigung im Werk Braunschweig. Danach wechselte er in die Entwicklung für Lenkungen, Dämpfer und Fußhebelwerke.

• 2009 zog er als Leiter der Lenkungsentwicklung mit seinem Team in das Kompetenzcenter Lenkung.

• Juni 2012 bis Dezember 2015 übernahm er die Leitung des VW-Werkes Braunschweig. Neben dieser Funktion leitete er in Personalunion die Komponentenentwicklung und war zuständig für das Geschäftsfeld Fahrwerk (bis Mai 2012).

• Mitte Januar 2016 übernahm er die Leitung des VW-Werks Kassel in Baunatal. In Personalunion ist er Leiter des Geschäftsfeldes Getriebe im VW-Konzern.

• Jablonski ist verheiratet und Vater dreier Kinder. Mit seiner Familie wohnt er im Landkreis Peine. Sein Hobby: Fußball.

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