Betriebsversammlung in Baunatal

Verantwortliche im VW-Werk wollen Beschäftigung am Standort halten

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Betriebsversammlung im VW-Werk in Baunatal

Baunatal. Betriebsversammlung bei VW in Baunatal. Die Gesichter der Beschäftigten wirken an diesem Morgen sehr ernst. Private Gespräche unter Kollegen – Fehlanzeige.

Stattdessen immer wieder Satzfetzen wie: Was werden die uns heute präsentieren? Das Wort Klartext zieht sich wie ein roter Faden durch die Gespräche in Halle 2, wo sich am Dienstag an die 7000 VW-Beschäftigte zur Betriebsversammlung einfinden.

„Um uns kommt ihr nicht herum!“ steht auf einem Plakat der Jugend- und Auszubildenden-Vertretung der IG Metall an der Brüstung.

Vor der Halle, wo sich die Raucher treffen, mag sich keiner groß äußern. „Wir wollen wissen, was der Abgasskandal für uns bedeutet“ – kommentiert wird nichts. Es ist die Unsicherheit, ob Jobs wegfallen. Ob es reicht, Überstunden abzubauen, Leiharbeiterjobs auslaufen zu lassen und so weiter.

Gerd Hahn

Nach der Versammlung wird Betriebsratschef Carsten Bätzold (50) sagen, dass die „Aufmerksamkeit sehr hoch“ war, dass man zeitweise eine Stecknadel hätte fallen hören können. Er rechnet „mit einer erheblichen Delle in der Auslastung des Standortes“. Deshalb habe der Betriebsrat Verhandlungen mit dem Werksmanagement aufgenommen, um die Delle mit den „Instrumenten zur Beschäftigungssicherung zu überbrücken“. Gemeint sind Guthaben auf Arbeitszeitkonten, die durch Schließtage im nächsten Jahr abgebaut werden können.

Ob das letzlich genüge, könne niemand beurteilen. „Wir fahren auf Sicht“, sagt deshalb der stellvertretende Werkleiter Gerd Hahn (50). 2015 dürfte die Stückzahl der gefertigten Getriebe am Standort bei 3,8 Millionen liegen. Weitere Prognosen wagt Hahn nicht, da der Absatz rückläufig sei.

Carsten Bätzold

Ein Vorteil des Werkes ist, dass es für viele Marken im Konzern produziert. Zwei Wochen Werksferien über Weihnachten – wie in der Golf-Fertigung in Wolfsburg – werde es in Baunatal aber nicht geben. Es wird Bereiche mit ähnlicher Freizeit geben, aber auch Abteilungen mit weniger freien Tagen. Durchgängig frei für alle Bereiche sei nur vom 21. bis zum 23. Dezember. Abstriche wird es bei den Investitionen geben. Wurden in den vergangenen Jahren jeweils rund 500 Millionen Euro angesetzt, investiert der Konzern im nächsten Jahr nur 438 Millionen in Zukunftsprodukte. Gestrichen werde bei Infrastrukturmaßnahmen.

Der Kostendruck bleibt. Daher hat der Konzernvorstand entschieden, dass es künftig weitere deutliche Einsparunden geben soll, sagt die stellvertretende Betriebsratchefin Ulrike Jakob. Ziel sei es, die Produktion effizienter zu machen. Die Verhandlungen über Zielvorgaben beginnen demnächst.

„Ein Spagat“, sagt sie, „denn Beschäftigung und Wirtschaftlichkeit sind gleichrangige Ziele.“ Das heißt: Um zu sparen, muss VW mit weniger Personal die gleiche Leistung bringen oder mit dem selben Personal mehr Produkte. Angesichts des schrumpfenden Absatzes dürfte letzteres schwierig sein.

Betriebsversammlung bei VW in Baunatal

Stimmen aus dem Werk

„Die Angst geht um.“ Diesen Satz sagte ein VW-Beschäftigter am Rande der Betriebsversammlung. Der Mitarbeiter, der – wie so viele – nicht mit Namen genannt werden möchte, trifft damit die Meinung vieler. „Keiner weiß, wo der Zug anhält“, sagt er noch mit Blick auf das kommende Jahr. Ein anderer zieht aus den wenigen konkreten Aussagen von Werksmanagament und Betriebsrat während der Versammlung etwas Positives. „Wenn es etwas konkret Negatives gegeben hätte, dann wäre das erst recht schlecht gewesen“, sagt er. Der Mann berichtet von der Stimmung in der Halle 2. Viele hätten gebannt auf den jeweiligen Redner geblickt, als ob dieser jeden Moment etwas Besonderes verkünden werde. Ein weiterer Mitarbeiter erinnert an die vielen Zulieferfirmen von VW. „Ein Bekannter von mir ist Klempner. Der fragt sich schon jetzt, woher er künftig die Aufträge bekommt.“

Kurzinterview mit dem stellvertretenden Werkleiter Gerd Hahn

VW-Werk in Kürze

Stichwort Abgasanlagenfertigung: Im VW-Werk Kassel in Baunatal gibt es noch eine Abgasanlagenfertigung, die für gut 1,5 Millionen Fahrzeuge fertigt. Dort arbeiten 500 bis 600 Mitarbeiter, etwa zehn Prozent sind Leiharbeiter. Dennoch könnte die Abteilung zu den Gewinnern zählt, entschieden ist noch nichts, sagt Betriebsratschef Carsten Bätzold.

Stichwort E-Mobilität: Das VW-Werk Kassel ist Leitwerk in der E-Mobilität. Dennoch investiert Porsche in Stuttgart-Zuffenhausen 700 Millionen Euro. Das bestehende Motorenwerk wird für die „Mission E"erweitert, wie Porsche das Vorhaben nennt. Der Bau des 600 PS starken Sportwagens soll Ende des Jahrzehnts starten. Beim e-Boliden hatten die Kasseler das Nachsehen, beim geplanten e-Phaeton wollen mitreden.

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