Trotz Abgasskandal

VW-Werkleiter Jablonski hält am Ziel von 3,8 Millionen Getrieben fest

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Arbeitet sich ein: Thorsten Jablonski (46) leitet seit Mitte Januar das VW-Werk Kassel in Baunatal.

Baunatal. Seit Mitte Januar leitet Thorsten Jablonski das VW-Werk Kassel in Baunatal. Trotz vieler Unwägbarkeiten hält er an der Prognose von 3,8 Mio. Getriebe im Jahr 2015 fest.

Seine letzte Position auf dem Fußballplatz war die des Libero – ein Verteidiger ohne direkten Gegenspieler. „Mit Überblick und Erfahrung sehen, wohin der Ball läuft“, beschreibt Thorsten Jablonski (46) seinen Posten im VW-Werk Kassel in Baunatal. Seit Mitte Januar leitet er den Standort. Zuvor war er Werkleiter in Braunschweig.

Er hat den Job in schwierigen Zeiten übernommen: Sein Vorgänger Falko Rudolph (50) wurde im Zuge der Ermittlungen zum Diesel-Abgasskandal beurlaubt. Zwar sei er mit Rudolph in Kontakt, eine Übergabe gab es aber nicht. Und sonst? Kein weiteres Wort zu seinem Vorgänger und all den Facetten des Dieselskandals.

Jablonski arbeitet sich ein – von 7 bis 21 Uhr, manchmal bis 22 Uhr, dann geht es ins Hotel. Ab März hat der dreifache Familienvater eine Wohnung in Kassel. Über sich selbst sagt Jablonski, er sei ein Mann der Komponente. Lange Zeit war der Maschinenbau-Ingenieur für alle Entwickler in diesem Bereich zuständig.

Gemischtwarenladen Kassel

Unter den gegebenen Bedingungen, hätte er sich seinen Start im Werk „nicht besser vorstellen“ können. Zwar schaue so mancher Werker noch auf den Boden, um „Guten Morgen“ zu murmeln. Aber Jablonski ist der Kontakt in die Halle wichtig. Dafür geht er viele Wege zu Fuß, will die Abteilungen kennenlernen, will sich orientieren im „Gemischtwarenladen zwischen Getriebefertigung, Gießerei und Presswerk“.

Es sind ungewisse Zeiten für den Wolfsburger Konzern. Zwar werden laut Jablonski noch reichlich Dieselfahrzeuge verkauft, aber der Abgasskandal belastet. Er selbst fährt einen Touareg, einen Diesel. Einerseits sollen bis zu sechs Schließtage im Jahr die Kosten im Werk senken, andererseits werden Stellen von 950 Leiharbeitern verlängert. Das verursacht Kosten. Wie passt das zusammen?

Eine Million Überstunden

„Rein rechnerisch waren zum Jahresanfang 300 Leute zu viel im Werk“, sagt Jablonski. In den kommenden Monaten laufe aber das Getriebe DQ 381 (für Golf, Audi, Skoda, Seat) neu an und die Produktion des DL 382 (verschiedene Audi-Modelle) wird hochgefahren. „Dafür brauchen wir die Mitarbeiter“, erklärt er. Und die Schließtage? „Rund eine Million Überstunden haben die 16 000 Stammbeschäftigten angesammelt. Die können abgefeiert werden.“

3,8 Millionen Getriebe will der Standort in diesem Jahr fertigen. Momentan laufen täglich 17 000 Getriebe vom Band. Ein Teil davon wandert aber ins Lager. Dieser Puffer erlaubt weiterhin den Drei-Schicht-Betrieb und die hohe Stückzahl. Jablonski: „Staut sich zuviel auf, wird über einen Schließtag ausgeglichen.“ Unter dem Strich wird so ein sechsstelliger Betrag gespart: bei den Kosten für Energie und über den Abbau von Überstunden. Exakt lässt sich die Summe nicht beziffern, da an den Schließtagen nie das ganze Werk ruht.

E-Antrieb lahmt

Dass der E-Antrieb nicht vom Fleck kommt, ist ein generelles Problem. Ohne Scheu spricht er unbequeme Wahrheiten an: „Ohne staatliche Unterstützung wird es nicht klappen.“ Bis 2020 soll die Zahl der E-Autos in Deutschland auf eine Million steigen.

Und: „Es wird keineswegs ein Produkt sein, das allein aus Kassel geliefert wird.“ E-Antriebe werden auch in China und den USA gefertigt werden. Dies wird in den nächsten Jahren Einfluss auf die Getriebefertigung haben. DSG-Getriebe werden weniger werden, dafür werden neue, andere Getriebe für den E-Antrieb folgen. Auch die Batterietechnologie sieht Jablonski nicht in Kassel. Sollte sich der E-Antrieb rasant entwickeln, brauchen auch andere Werke neue Aufgaben – etwa das Motorenwerk in Salzgitter.

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