Junge Asylbewerber holen in spezieller Klasse an der Willy-Brandt-Schule in Kassel ihren Hauptschulabschluss nach

Büffeln für Abschluss im fremden Land

Schüler aus verschiedenen Ländern besuchen dieselbe Klasse: Hanna Berhan (Äthiopien, von links), Yasemin Amiri (Afghanistan), Monir Safi (Afghanistan), Mansour Azizi (Afghanistan), Schulsozialarbeiter Markus Sennhenn und Selame Dawiet (Äthiopien). Foto: Habich

KREIS Kassel. Mansour Azizi mag seine Klasse: „Die Kollegen sind toll, die Lehrer auch.“ Der 18-Jährige ist vor zwei Jahren aus Afghanistan nach Deutschland gekommen, jetzt macht er an der Willy-Brandt- Berufsschule seinen Hauptschulabschluss nach. Er besucht eine besondere Klasse, die 10a des Berufsvorbereitungsjahres: Die zwölf Schüler im Alter von 16 bis 25 Jahren kommen aus sieben verschiedenen Ländern. Schulsozialarbeiter Markus Sennhenn betreut sie zusammen mit Klassenlehrer Vaid Suloski.

Die meisten der Schüler sind als minderjährige Asylbewerber nach Deutschland gekommen – ohne ihre Eltern. Nur zwei von ihnen haben Verwandtschaft hier, ein Schüler ist gerade selbst Vater geworden. Zu Beginn des Jahrgangs war bei vielen der Aufenthaltsstatus noch ungeklärt. „In einer anderen Klasse ist es schon vorgekommen, dass Schüler abgeschoben wurden“, sagt Klassenlehrer Suloski.

Die 10a bekommt neben den üblichen Schulfächern intensiven Sprachunterricht. Über Praktika wird außerdem versucht, die jungen Männer und Frauen an mögliche Ausbildungsberufe heranzuführen. Mansour hat in Afghanistan schon als Verkäufer gearbeitet, nun bewirbt er sich bei einer großen Kaufhauskette. Ali Omar aus Somalia war Friseur: „Ich habe eine Bewerbung für einen Praktikumsplatz geschrieben, jetzt warte ich“, sagt er. Ein weiterer Schüler, er stammt aus Tansania, hat Nageldesign gelernt. Auf seinem Handy hat er Bilder von kunstvoll verzierten, glitzernden Fingernägeln gespeichert. Er ist sich noch nicht sicher, ob er auch hier sein Geld damit verdienen kann.

Der Schwerpunkt der Ausbildung liegt für die Klasse 10a eigentlich in den Bereichen Metall- und Holztechnik. Doch Sennhenn versucht, für jeden das Passende zu finden. Über den Unterricht hinaus hilft er den Schülern, sich in die neue Kultur einzufinden, gibt Rat bei Alltagsproblemen, füllt Formulare und Anträge mit ihnen aus. In der Gruppenarbeit geht es auch darum, Konflikten vorzubeugen. Vor allem solchen, die durch unterschiedliche Kulturen und mangelnde Sprachkenntnisse entstehen. Um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken, macht Sennhenn Ausflüge mit den Schülern, geht mit ihnen zum Schlittschuhlaufen oder zum Klettern. Zu Beginn habe man sich auf einige Dinge verständigen müssen, die in der deutschen Kultur und im Arbeitsalltag wichtig seien, etwa Pünktlichkeit, sagt Sennhenn.

Gute Disziplin

Schulleiter Reiner Heine lobt jedoch die gute Disziplin der 10a: „Meistens sind von zwölf Schülern auch zwölf da. Das könnten sich einige andere Klassen zum Vorbild nehmen. Hier merkt man, dass sie es wirklich schaffen wollen.“

Kontakt: Wer einen Praktikumsplatz oder Ausbildungsplatz für Berufsschüler anbieten will, kann sich melden unter Telefon: 0561/ 9 40 93 0, Internet: www.wbs-kassel.com

Von Irene Habich

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