Interview mit dem FDP-Kreisvorsitzender über die Situation seiner Partei im Bund und im Landkreis

Björn Sänger: Müssen Vertrauen zurückgewinnen

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Björn Sänger

Kreis Kassel. Die Mitglieder der FDP Kassel Land bestätigten Björn Sänger aus Ahnatal als Vorsitzenden. Er ist als Nachrücker für seinen Vater Klaus-Dieter Sänger auch Fraktionsvorsitzender im Kreistag und damit der starke Mann der FDP im Kreis. HNA-Redakteur Michael Schräer sprach mit Björn Sänger.

Herr Sänger, Sie wollen jetzt eine Koalition mit den Bürgern eingehen, warum haben Sie das nicht bereits vorher gemacht, schließlich sind Sie seit acht Jahren Vorsitzender der Kreis-FDP?

Björn Sänger: Das haben wir im Landkreis immer schon so gesehen. Der Hinweis bezieht sich auf die Bundesebene. Dort hat die FDP über Jahre in Koalitionen gedacht. Es geht aber darum, welche Politik machen wir für den Bürger. Dabei müssen wir den direkteren Weg wählen, seitdem wir nicht mehr im Bundestag vertreten sind.

Die nächste Wahl auf kommunaler Ebene findet 2016 statt. Wie lauten Ihre Ziele?

Sänger: Wir haben unser Ergebnis auf Kreisebene bei der letzten Wahl drei Wochen nach Fukushima halbiert. Ohne solche Außeneinflüsse sollten wir 2016 wieder dorthin kommen, wo wir 2011 standen, also bei über vier Prozent und vier Kreistagsmandaten.

Florian Rentsch, Ihr neuer Fraktionschef im Wiesbadener Landtag, nimmt sich des Themas A 44 an. Lässt sich damit punkten?

Aktualisiert um 15.10 Uhr

Sänger: Die vorherige Landesregierung wollte die A 44 ortsfern bauen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Verkehrsminister Al-Wazir ortsfern baut, all die Bäume fällt, wenn er ortsnah auf der B 7-Trasse bauen und dabei noch geschätzte 30 Millionen Euro sparen kann, wie es auch die Bundesregierung will. Wir bleiben bei der ortsfernen Variante im Sinne der betroffenen Bürger.

Im Augenblick laufen Ihnen doch die Mandatsträger weg, beispielsweise in Kaufungen zu der CDU und in Vellmar zu den Grünen?

Sänger: Uns laufen keine Mandatsträger weg. In Kaufungen haben wir keine eigene Liste stellen können, Otto Martelleur wollte aber Gemeindevertreter werden und kandidierte nach Absprache auf der CDU-Liste. Er ist aber FDP-Mitglied und bleibt Liberaler. Markus Pape ist in Vellmar Einzelkämpfer und war damit von Informationen abgeschnitten. Daher hospitiert er bei den Grünen, vertritt aber klar FDP-Positionen.

Böse Zungen behaupten, die Kreis-FDP könnte ihre Versammlungen in einer der letzten verbliebenen Telefonzellen abhalten?

Sänger: Bislang mussten wir bei allen Versammlungen nach der Bundestagswahl zusätzliche Stühle reinschleppen. Die Mitgliederzahl liegt im Landkreis stabil bei 150. Wir haben mehr Eintritte als Austritte.

Müssten Sie nicht eine offensive Mitgliederwerbung betreiben?

Sänger: Mehr Mitglieder sind immer gut. Wir müssen verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen, dann kann man auch wieder mehr Menschen ansprechen. Den alten Typus Politiker einmal dabei, immer dabei in verschiedenen Funktionen gibt es immer weniger. Wir werden Angebote machen, themenbezogen bei uns mitzumachen, ohne gleich Mitglied der FDP sein zu müssen. Und Parteilose hatten wir immer schon auf unseren Listen.

Was haben Sie neuen Mitgliedern zu bieten, eine schnelle politische Karriere ja wohl nicht?

Sänger: Nein, ein Bundes- oder Landtagsmandat können wir nicht anbieten, nur unmittelbares Engagement. Denn die klassische Ochsentour gibt es bei uns nicht, insofern geht’s mit der Karriere durchaus schnell.

Wem müssen Sie Wähler abjagen, wer ist Ihr politischer Gegner im Landkreis?

Sänger: Ich denke nicht in solchen Kategorien. Mich interessiert nicht, wer gegen uns ist, mich interessiert, wen wir für uns gewinnen können. Wir sprechen Menschen an, die wirtschaftlich und gesellschaftlich freiheitlich denken und auch wollen, dass Kinder und Enkel ohne große öffentliche Schuldenlast leben können.

Man hört, es ist nach dem Wahldebakel in Berlin in der FDP viel schmutzige Wäsche gewaschen worden?

Sänger: Das würde ich so nicht nennen. Aber nach so einer Wahlentscheidung hinterfragen sie sich. Wir waren die größte FDP-Fraktion im Bund in der Geschichte und gleichzeitig die, die den Schlüssel umdreht. Da wird man natürlich auch von anderen hinterfragt, ganz klar. Zum Teil ist da das Maß akzeptabler Umgangsformen überschritten worden. Grundsätzlich war das aber ein guter Prozess.

Zum Teil aber auch selbst verschuldet?

Sänger: Die FDP hat politische Fehler gemacht, Menschen enttäuscht. Aber jeder Abgeordnete hat sich eingesetzt. Ich war in den vier Jahren allein zu 800 Terminen vor Ort. Und ich habe mir fachlich nichts vorzuwerfen, habe allein 25 Gesetze im Bereich Finanzwirtschaft als Berichterstatter gemacht, also mitgeschrieben.

Was treibt Sie an, politisch weiterzumachen? 

Sänger: Politik treibt mich um, ich kann davon nicht lassen. Und in diesem Land läuft einiges falsch, und das ist mir nicht egal. Zum Beispiel bei den Rentensystemen, was da der jungen Generation aufgebürdet wird. Daher mache ich weiter.

Vielleicht irgendwann wieder als Bundestagsabgeordneter?

Sänger: Wer weiß, was in drei Jahren ist. Wenn mich meine Partei heute fragen würde, würde ich Ja sagen.

Zur Person

Björn Sänger (38) wurde in Kassel geboren und wuchs in Ahnatal auf. Nach Studium der Wirtschaftswissenschaften in Kassel war er von 2002 bis 2005 beratend tätig und arbeitete von 2005 bis 2009 beim Zentralverband des Elektrohandwerks in Frankfurt/Main. Anschließend zog er für die FDP bis 2013 als Abgeordneter in den Bundestag ein, war Mitglied im Finanzausschuss. Jetzt ist er selbstständiger Unternehmensberater mit Büro in Kassel. Der FDP trat Björn Sänger 1991 bei, er war von 1999 bis 2007 stellvertretender Landesvorsitzender der Jungen Liberalen in Hessen. Seit 2006 ist er Vorsitzender der FDP Kassel Land und seit Februar Fraktionsvorsitzender der Kreistagsfraktion. Sänger ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt in Ahnatal.

Von Michael Schräer

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